Glücksmomente des Monats September 2021

Meine Glücksmomente des Monats September 2021 drehen sich vor allem um meinen Vater. Er war ja seit Mitte August mit seinem austherapierten Krebs in einem Hospiz bei mir in der Nähe. Am 29. September, an Michaeli, ist er gestorben. Ganz friedlich und schön übrigens, ohne Schmerzen und Leid.

Und trotzdem, auch wenn das vielleicht manche seltsam oder verrückt finden, gab es diesen Monat Glücksmomente. Auch und insbesondere welche, die mit meinem Vati und sogar mit seinem Tod zu tun haben.

Manchmal frage ich mich, ob ich verrückt bin, weil ich sogar unter solchen Umständen noch Glücksmomente erlebe. Nun, ich habe eine positive Lebenseinstellung und habe gelernt, auch unter schweren Bedingungen noch das kleine Glück zu finden. Es ist jahrelanger Übung seit meiner Jugend geschuldet. Und ich werde nicht damit aufhören. Denn so lange ich das kleine Glück wahrnehmen und spüren kann, kommt mir mein Leben bunt, reich und glücklich vor.

Wie jedes Mal tut es mir auch jetzt gut, mir meine Glücksmomente zu vergegenwärtigen.

Hier also meine Glücksmomente des Monats September 2021:

1. Elektro-Roller fahren

Ich bin Anfang des Monats zum ersten Mal mit einem Elektro-Roller gefahren. Das war total toll! Ich liebe ja Motorradfahren (als Beifahrerin; ich habe keinen Führerschein) und Geschwindigkeit beim Fahren. Aufgrund dieser Veranlagung hat mich das Fahren mit dem Elektro-Roller richtig entzückt. Ich habe dann mehrfach so einen Roller geliehen, um meinen Vati im Hospiz zu besuchen. Das war genau die richtige Strecke für so eine Fahrt. Es tat gut, nach einem Besuch bei ihm nicht mehr bergauf radfahren zu müssen. Die Rollerfahrten habe ich dann richtig genossen.

2. Leckere Fundstücke

All diese Haselnüsse habe ich in unserer Wohnanlage gesammelt. Es gibt mehrere Haselsträucher, und die Nüsse schmecken köstlich. Süß und zart nussig. Besonders, wenn sie frisch vom Strauch gefallen sind. Glück am Gaumen, sag ich ja immer.

3. Wertvolles Give-away

Dieses kleine Give-Away von der Apotheke hat mein Herz erfreut. Ich habe die fertige Kresse auf einen Salat gestreut. Lecker.

4. Danke, kleiner Rollwagen!

Dieser Rollwagen stammt von unserem Haus auf dem Land, von den Vorbesitzern. Ich wollte es damals eigentlich ausmisten, aber unsere Kinder sind sofort darauf abgefahren und haben es als Puppen-Stockbett verwendet. Das Rolldingsda wurde von unseren Töchtern in den letzten vier Jahren unglaublich intensiv bespielt. Es wurden auch einmal Kuchen damit verkauft, aber vor allem diente das Gestell als Puppenbett für die unterschiedlichsten Puppen und Stofftiere. Es wurde hunderte Mal umdekoriert und umgestaltet. Unsere Töchter haben das Teil einfach geliebt.

Aber Anfang des Monats sagte die kleine Tochter, sie brauche es jetzt nicht mehr. Ihre Puppen wollten jetzt lieber im Himmelbett schlafen. Ich empfand Glück auf zwei Ebenen: Einmal, dass das Teil unseren Töchtern so ein gutes Spielzeug gewesen ist. Dass das Teil noch so eine schöne Wertschätzung erfahren hat. Aber auch, weil ich es endlich zum Sperrmüll geben durfte. 😀

5. Die kleine Maike und der kleine Eberhard

Mein Vati hat die „kleine Maike“ im Arm, die Puppe, die mich mit 10/11 Jahren darstellt. Das war ein total schöner, symbolischer Moment.

Besonders berührend war es, als ich die kleine Maike neben die Puppe setzte, die ich meinem Vati vor ein paar Jahren auf seinen Wunsch genäht habe. Das ist der „kleine Eberhard“, wie ich ihn nenne, also mein Vater als Junge.

6. Das Lazarus-Hospiz in Berlin-Mitte

Eine wahnsinnige Dankbarkeit im Herzen habe ich für das Lazarus-Hospiz Berlin-Mitte und seine großartigen Mitarbeiter*innen. Jede Begegnung mit den Menschen dort war ein Glücksmoment. Alle Menschen von der Hospizleitung bis hin zur Hauswirtschaftskraft waren immer freundlich, zugewandt, fürsorglich und gesprächsbereit. „Niemanden und nichts aufgeben“ war das Motto des Gründers Pfarrer Wilhelm Boegehold, den man auf dem Foto sieht. Es war ein Riesen-Glück, dass mein Vater in diesem traulichen Umfeld seine letzten Wochen verbringen durfte.

7. Dolls for Afghanistan

Es war mir eine große Freude, bei der Aktion „Dolls for Afghanistan“ mitzumachen. Ich habe diese Puppe für die Aktion genäht. Viele Puppen- und Stofftier-Macher*innen haben Puppen genäht. Diese wurden dann auf Instagram versteigert. Meine Puppe Sahar hat 250 Euro eingebracht, die dann an UNICEF für Afghanistan gespendet wurden.

8. Die Güte der Tochter

Meine Tochter bekam meinen Aktionismus rund um „Dolls for Afghanistan“ mit und hatte das Bedürfnis, auch etwas Gutes zu tun. Sie wollte unbedingt einer armen Familie etwas schenken. So spendeten wir über die Organisation „World Vision“ („Das Gute Geschenk“) eine Ziege für eine arme Familie. Übrigens ein tolles Last-Minute-Geschenk für gute Menschen. Es gibt „Gute Geschenke“ in allen Preislagen.

9. Die Entdeckung meiner Großmutter

Dies ist meine Großmutter väterlicherseits, die ich nie kennen gelernt habe. Sie war ausgebildete Apothekerin und war zeitweise die Inhabern der Fritz-Reuter-Apotheke in Dömitz an der Elbe, die es immer noch gibt. Sie starb kurz nach dem Krieg und ließ ihre fünf Kinder als Waisen zurück, darunter meinen Vater als Jüngsten. Fragt mich nicht, warum, aber ich habe mich nie wirklich mit ihr befasst. Einfach weil sie nicht mehr lebte. Weil sie mir mit ihrer Brille und der Hochsteckfrisur so fremd und altertümlich vorkam, vielleicht.

Anhand der Fotos, die mein Vater mit ins Hospiz genommen hatte, und über seine Cousine, die ihn Anfang September dort besuchte, erfuhr ich plötzlich mehr über sie, konnte Fragen stellen und schaute sie mir zum ersten Mal genauer an. Wie erstaunt war ich, als ich feststellte, wie ähnlich ich ihr bin. Ich habe ihre Gesichtszüge geerbt. Sie war eine absolute Leseratte, wie ich! Sie schrieb und las viel und war eine intellektuelle, hochgebildete Frau.

Vergleicht mal die beiden Bilder von ihr und mir bei der konzentrierten Arbeit!

10. Basteln mit meinem Mann

Es hat große Freude gemacht, mit meinem Mann Michaelswaagen zu basteln. Ich wollte die Anleitung lang vor Michaeli hier veröffentlichen, aber habe es nicht mehr geschafft. Das kommt dann nächstes Jahr, und früh genug, so dass man genug Zeit hat, die Waagen bis Michaeli fertig zu stellen.

11. Unsere alternative Bestatterin

Wir haben für meinen Vati eine alternative Bestatterin gefunden. Ich kann nicht sagen, wie froh ich bin, dass uns die seltsame Atmosphäre und die befremdliche Herangehensweise eines normalen „Bestattungsinstututes“ erspart blieb. Wir und mein Vater wollten keinen „schicken Sarg“ oder sterile Blumenkränze vom Friedhofs-Floristen. Mein Vati möchte in einem Friedwald unter einem Baum begraben werden. Wir wollten einen natürlichen und respektvollen Umgang mit seinem Tod. Anja ist Trauerbegleiterin und Bestatterin aus ganzem Herzen und aus Berufung. Ich bin so froh, dass es solche Angebote und Menschen hier in Berlin gibt.

12. Abschied von meinem Vati

Der Tag, an dem mein Vati starb, war sehr schön. Er starb in den frühen Morgenstunden des 29. Septembers, zu Michaeli. Meine Brüder und ich eilten beim Anruf des Hospizes sofort zu ihm und blieben den ganzen Tag bei ihm. Wir weinten und trauerten gemeinsam. Wir tranken aus seiner geliebten Teekanne Schwarztee, so wie wir es unzählige Male mit ihm zusammen gemacht haben. Wir halfen dabei, ihn zu waschen und mit gutem Lavendel-Öl einzuölen. Den Duft von Lavendel hat er sehr geliebt. Wir hatten Zeit, uns ausgiebig von ihm zu verabschieden.

So traurig es war (und ist), es war auch ein großer Glücksmoment. Für meinen Vati war sein Tod eine wahre Erlösung. Er war absolut bereit zu sterben. Er hatte es sich schon länger gewünscht.

Das Foto zeigt die Sonnenblume, die in seinen letzten Tagen in seinem Zimmer stand, am Tag seines Todes.

13. Meine Geschwister

Muss ich betonen, wie glücklich ich über meine Geschwister bin? Wir haben einander so lieb und waren uns in punkto der Pflege und Betreuung unseres Vaters in den letzten drei Jahren immer einig. Wir sind einander schon immer nah gewesen. Ich bin so, so froh, dass sie da sind. Und ich bin dankbar und glücklich, dass sie beide in Berlin leben und wir uns nahe sein können, wenn wir es brauchen.

Und da ich wegen meiner Trauer in den letzten Tagen ziemlich off bin, verabschiede ich mich jetzt von Euch und wünsche auch Euch Aufmerksamkeit für die kleinen Glücke, die es in jedem Alltag gibt, wenn man hinsieht.

Eure Maike

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8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Hallo liebe Maike,

    ich verfolge deinen Blog stets aufmerksam, so wie deine Glücksmomente im September

    Es rührt mich sehr, dass dein Vati nun nicht mehr unter euch ist. Zugleich erstaunt es mich immer wieder wie positiv deine Einstellung stets ist. Danke für deine Zeilen… Ich wünsche dir und deinen Lieben alles Gute und weiterhin Zusammenhalt!
    Wie du schreibst war es der Wunsch deines Vatis zu gehen und das konnte er dank Eurer Aufmerksamkeit, welche ihr Ihm schenken konntet so lieb und fürsorglich alle zusammen!

    Geb Acht auf Dich und lass die Tränen fließen wenn es dir danach ist!

    Fühl dich gedrückt, liebe Grüße Marlen aus BaWü

    • Liebe Marlen, vielen lieben Dank. Oh ja, die Tränen fließen… sie dürfen und sollen. Danke für Deine Worte, das tut gut! XXX Maike

  3. Liebe Maike, ich kann mich Lydia nur anschließen, es ist wirklich bewundernswert, wie Du auch gerade in dieser Zeit der Sorge um Deinen Vater und des Abschieds von ihm dennoch auch Glücksmomente entdecken und empfinden konntest. Das ist absolut Ausdruck einer sehr positiven Lebenseinstellung – eine ganz besondere Gabe!!! Das Bild Deines Vaters mit der Puppe ist so rührend!
    Ich „kenne“ meine Großeltern auch nur von Fotos, meine Eltern waren bei meiner Geburt ja nicht mehr die Jüngsten. Meine Geschwister haben sogar noch Bonbons im Lebensmittelgeschäft meines Opas (mütterlicherseits) aus den großen Gläsern naschen dürfen.
    Wir haben uns am 30.09. aus Anlass seines (104.) Geburtstages am Grab meines Vaters getroffen – er war vor 4 Jahren nach Vollendung seines 100ten verstorben. Somit ist sein Wunsch, 100 Jahre zu werden, tatsächlich in Erfüllung gegangen. Alle 4 Geschwister und meine Mutter waren dabei und haben ihm ein Lied gesungen und Blumen gebracht – Dinge, über die er sich sehr gefreut hätte.
    Ich wünsche Dir/Euch viel Kraft & Zuversicht – sei ganz lieb gegrüßt von Lene

    • Oh liebe Lene, das klingt ganz wundervoll. Ich wünsche mir auch, dass wir uns am Tag seines Todes nächstes Jahr im Friedwald treffen und den Tag irgendwie schön begehen. Danke für Deine lieben Worte! Deine Maike

  4. Liebe Maike,
    fast profan erscheinen meine Glücksmomente des September, trotzdem möchte ich sie hier teilen, denn das Sammeln dieser guten Dinge ist mir ein so liebes Ritual geworden, dass ich an schwierigen Tagen davon zehre, mich daran zu erinnern. Und mir so einen möglichst zuversichtlichen, positiven Blick auf das Leben zu bewahren.
    Hier kommen sie also:
    Ein letzter Besuch im Autokino, bevor es jetzt im Herbst wieder zugesperrt hat.
    Eine neue Tasse, die mir ein Kollege geschenkt hat, dem aufgefallen ist, dass meine Liebe für warme Getränke im Herbst immer ein ganz neues Niveau erreicht.
    Ein Ausflug zu drei Weinbauern südlich von Wien, wo wir direkt neuen Wein verkosten durften und mit vollen Kartons nach Hause zurückkehrten.
    Ein Brief von meiner Nichte, die sich unglaublich berührend für mein Geschenk zu ihrem Geburtstag bedankt.
    Ein Wochenende in einem kleinen Häuschen: wir haben über dem Feuer gekocht, hatten einen Stapel Bücher dabei, Malsachen, unsere Kamera und meine Stricknadeln. Wir haben alle Stecker gezogen und auf vielen kleinen und größeren Spaziergängen die Nähe zur Natur ganz intensiv gespürt.

    Jetzt wird der Wind schon stärker und die Blätter wechseln ihre Farbe und bedecken langsam den Boden. Ich freue mich sehr auf den Kürbis- Monat Oktober mit Gruselfilmen, Halloween- Leckereien und Ausflügen zum Kürbisfeld!

    Liebe Maike, umgib Dich gut mit Lavendelduft, Deinen Puppen, Deinen Geschwistern und Deiner Familie und bereite Deinem Vater den Abschied, den er sich gewünscht hat! Alles, alles Liebe.

    • Tausend lieben Dank, Elisabeth! Deine Glücksmomente machen mir immer große Freude. Ich habe dann immer den Eindruck, „so schön kann das Leben sein!“
      Alles Liebe und Gute zum Kürbismonat! Wir haben heute einen Kürbiskuchen gebacken (Rezept folgt auf dem Blog). Das hat sehr gut getan.
      Allerliebste Grüße, Maike

  5. Liebe Maike,
    du hast wirklich die große Gabe in allen, nein in vielen Momenten und Situationen das Positive zu sehen. Und sei es noch so klein. Das tut auch deinem Umfeld gut!!! Es ist berührend zu lesen wie warmherzig und liebevoll dein Vater auf seinem letzten Weg begleitet wurde. Fühle dich ganz lieb gedrückt. Das Bild mit den beiden Puppen ist wirklich sehr besonders und strahlt eine große Innigkeit aus.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden
    Lydia
    P.S.: Ich singe zurzeit immer mal das wunderschöne Herbstlied, dass ich auf deinem Blog entdecken durfte. Das ist soooo schön. Danke!!!

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