Weniger ist mehr: Wochenende in Dessau, 24.-26. Juli 2020

Mama-Tocher-Wochenende in Dessau: Mit der großen Tochter habe ich das Wochenende in der Bauhaus-Stadt Dessau verbracht. Mama-Kind-Innigkeit und Bauhaus-Eindrücke, bestes Freibad-Erlebnis und gemütliche Zeit in unserer charmanten Unterkunft in einem alten Bahnhof bei warmem Wetter, das war unser Wochenende in Dessau in knapper Zusammenfassung.

Ich habe als Überschrift den Satz “Weniger ist mehr” gewählt, der oft der Bauhaus-Ästhetik zugeschrieben wird. Hier bei Wikipedia könnt Ihr die Herkunft des Satzes nachlesen, die nicht geklärt ist. Die Bauhäusler haben den Satz eher nicht gebraucht, wie mir scheint. Denn er ist mir das ganze Wochenende nicht untergekommen, und wir haben viele wichtige Bauhaus-Stätten besucht.

Ich habe den Satz für diesen Beitrag auch gewählt, weil er gut auf unser Wochenende passt. Die große Tochter ist eine sehr sensible Person, die viele Reize aufnimmt. Bei ihr ist weniger immer mehr. Man muss immer aufpassen, dass man ihr nicht zu viele Eindrücke zumutet, denn das kann sie schwer verarbeiten.

Auch für mich ist der Satz ein wichtiges Mantra. Ich mute mir selbst oft zu viel zu. Dabei bin ich von der Aussage “Weniger ist mehr” eigentlich total überzeugt. Und zwar hinsichtlich sehr vieler Dinge: Besitz, “Erlebnis”/Unternehmungen, Konsum, Arbeit, Reden, Beziehungen…

Wochenende in Dessau Tag 1: Freitag, der 24. Juli 2020

Mit den Fahrrädern fahren die große Tochter und ich von zu Hause zum Bahnhof Friedrichstraße und steigen dort in den Regionalexpress nach Dessau. Gegen 12 Uhr sind wir da und fahren mit den Rädern direkt zum berühmten Bauhaus-Gebäude.

Wochenende in Dessau: Auf den ersten Blick ist man beeindruckt, wie überaus modern das Bauhaus-Gebäude aussieht. Dabei ist es fast 100 Jahre alt.
Das Bauhaus-Gebäude ist lichtdurchflutet. Es ist fast vollständig verglast. Licht spielte in der Bauhaus-Architektur und -Kunst eine große Rolle.

Das Bauhaus-Gebäude: Wunderschöne, reduzierte Architektur. Man muss sich vorstellen, dass zu dieser Zeit im Großen und Ganzen auch die Berliner Altbauten mit all ihrer Ornamentik entstanden. Das Bauhaus war ein radikaler Bruch mit allen architektonischen Vorstellungen, die es bis dahin gab. Absolut visionär.

Die Fenster ließen sich mit einem einzigen Hebel öffnen und schließen. Dieses Bild verkörpert für mich, was das Bauhaus war: Licht und Luft für vermuffte Vorstellungen in Köpfen und in der gestalterischen Kunst.

Nach unserem Rundgang durch das Bauhaus-Gebäude fahren wir mit dem Rad in Richtung Unterkunft. Auf dem Weg habe ich einen Zwischenstopp im Kornhaus geplant. Das Kornhaus ist eine alte Ausflugsgaststätte am Ufer der Elbe, die 1926 vom Bauhausarchitekten Carl Fieger neu umgebaut und gestaltet wurde. 2012 wurde die Gaststätte ganz originalgetreu wieder aufgebaut. Seitdem kann man im Kornhaus in Bauhaus-Atmosphäre speisen.

Das Kornhaus in Dessau.

Die Tochter ist schon ziemlich überreizt von den vielen Eindrücken heute und braucht dringend Ruhe. Glücklicherweise ist die Atmosphäre im Kornhaus sehr angenehm. Keine Musik, der Blick auf die ruhig dahin fließende Elbe, und die Stimmen der Gäste sind leise und zurückhaltend. Hier kann die Tochter sich beruhigen und auftanken. Sie bestellt sich einen großen Eisbecher. Ich habe Gelüste nach Salat und – wie kann es anders sein – einem Earl Grey Tee mit Milch.

Die Elbe vom Kornhaus aus. So ein breiter Strom hat etwas so Beruhigendes, Kraftvolles.

Nach dem Eisbecher und fast einer Stunde Pause kühlt die Tochter ihre Füße in der Elbe. Danach kann sie weiter radeln.

Wir radeln durch die traumhaften Parklandschaften Dessaus zu unserer Unterkunft in Dessau-Rosslau. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Ganz Dessau erscheint uns ausgestorben.

Wir kommen recht erschöpft in der Unterkunft an. Und wir haben es ganz nach unserem Geschmack getroffen. Wir haben über Airbnb eine kleine Wohnung im alten Bahnhofsgebäude von Dessau-Rosslau gebucht. Hier hat eine Frau das Gebäude liebevoll mit einigen Gästezimmern ausgestattet. Eigentlich war hier mal ein Ort der Kultur, der Kreativität und des fruchtbaren Austausches geplant. Aber der Plan hat sich leider zerschlagen, weil Leute ausgestiegen sind.

Als Gäste-Unterkunft ist der Ort jedoch sehr charmant. Jedenfalls für Menschen, die das Individuelle lieben, und sich nicht daran stören, dass manches unvollkommen ist. Wir fühlen uns sofort wohl. Küche und Bad teilen wir mit anderen Gästen. Wir haben ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Ich liebe sofort die tollen alten Holzböden. Sie sind ganz weich geschliffen von den Schritten des letzten Jahrhunderts. Die Vermieterin teilt uns mit, dass hier der Bahnhofsvorsteher gewohnt habe. Wir lieben es.

Wir ruhen uns aus. Ich gehe gegenüber im Supermarkt einkaufen und mache uns ein frühes Abendessen (Spaghetti mit Pesto und Salat). Danach will die Tochter unbedingt noch ins Freibad, denn ihr ist heiß. So fahren wir mit den Rädern ins nahe Freibad. Wir kommen gegen 18 Uhr an und sind total begeistert: DasFreibad ist fast vollkommen leer, aber man kann in allen Becken schwimmen und sogar die tolle Wasserrutsche ist in Gang.

Die Tochter liebt Schwimmen und Tauchen und ist hingerissen. Wir schwimmen und rutschen bis fast 20 Uhr, wo das Schwimmbad schließt. Die Tochter schafft es wegen des leeren Schwimmbades, zwei Ängste zu überwinden: Sie rutscht allein die lange gewundene Wasserrutsche runter und springt vom Startblock. Ich danke diesem schönen, leeren Freibad, dass es uns das ermöglicht hat. Mit anderen Kindern im Rücken oder zu viel Lärm hätte sie das nicht gekonnt. Sie ist sehr stolz auf sich und ganz glücklich. Mit blauen Lippen radelt sie zurück zur Unterkunft. Wir lesen noch in unserem aktuellen Buch (“Alea Aquarius”) und schlafen dann erschöpft ein. Das war ein intensiver Tag.

Der Mond von unserem Fenster aus. Gute Nacht.

Wochenende in Dessau Tag 2: Samstag, der 25. Juli 2020

Das ist unser Wohnzimmer im alten Bahnhof von Rosslau:

Auf dem Foto entwirft die Tochter in einer Einrichtungs-App ein Haus und richtet es ein. Sie interessiert sich ja sehr für Architektur und Inneneinrichtung. Und sie liebt schlichte, klare Formen und moderne Häuser. Finde ich zwar ein bisschen erstaunlich, wo ich selbst doch sehr auf Altbau und Bauernhaus stehe. Aber das ist eben sie und nicht ich. Natürlich ist ihr Zugang zu Architektur ein elfjähriger, noch recht naiver. Mit intellektuellem, abstraktem Blabla und Erklärungen muss man ihr nicht kommen, und sollte man auch nicht, wie ich finde. Deswegen sind wir nach Dessau gefahren, wo sie sich den Ursprung der modernen Architektur einfach ansehen kann. Wo das Wirklichkeit ist. Wo sie es real durch Beobachtung und in echtem 3D erfassen kann.

Wir radeln nach Dessau und schauen uns die “Meisterhäuser” an. Hier haben in einer Siedlung in einem Kiefernwäldchen in 5 damals absolut supermodernen Häusern die Meister des Bauhauses mit ihren Familien gewohnt: Walter Gropius, Paul Klee, Wassilij Kandinsky und andere große Namen der Kunst- und Archtitekturgeschichte.

Die Tochter ist begeistert von den Häusern. Tatsächlich ist das hier genau ihr Geschmack.

Das Treppenhaus in diesem Meisterhaus von Kandinsky erinnert uns an unser eigenes Häuschen in Berlin. Und mir wird wieder klar, wie eng der Architekt unserer Wohnanlage in Berlin sich am Bauhaus orientiert haben muss. Unsere Wohnanlage ist in den 1980ern entstanden. Aber wir erkennen hier wahnsinnig viel wieder.

Zweites Frühstück auf einer Mauer mit Blick auf das ehemalige Haus Gropius.

Dieser Anblick erinnert uns stark an unsere Wohnanlage.

Und schaut mal. Nicht alles in der Bauhaus-Zeit war schwarz-weiß und grau. Dieser Raum war in verschiedenen Pastelltönen gestrichen, hatte knallblaue Scheuerleisten und dunkelbraunen Linoleum-Fußboden.

Nach Besichtigung der Meisterhäuser fahren wir wieder zur Unterkunft. Wir queren dabei wieder die Elbe. So ein schöner, breiter, gemächlicher Fluss. Und sie ist aktuell gut gefüllt, die Elbe.

Am Nachmittag gehe ich ins Bauhaus-Museum nach Dessau-Zentrum. Die Tochter ist kaputt und möchte nicht mit. Eine Besichtigung am Tag mit An- und Rückfahrt ist genug für sie. Weniger ist mehr.

Ich habe das Ticket aber schon vor 10 Tagen gebucht und möchte es nicht verfallen lassen. Also radle ich zum Bauhaus-Museum und freue mich an den vielen schönen Möbeln und anderen Kunstwerken sowie ergänzenden Installationen, die das schöne Museum zeigt.

So leer ist Dessau-Zentrum an einem Samstag Nachmittag um 16 Uhr. Für mich als Berlinerin unbegreiflich. Rechts sieht man das Bauhaus-Museum mit seiner spiegelnden Fassade.

Ich radle die 6 km zurück zur Unterkunft. Die Tochter erwartet mich schon ganz sehnsuchtsvoll. Sie hat sich jetzt genug ausgeruht und möchte unbedingt nochmal in das tolle Freibad. Ich bin zwar ziemlich groggy, aber nach einer halben Stunde Pause fühle ich mich wieder gut. Wir radeln zum Freibad und haben das Bad wieder fast ganz für uns. Einfach toll. Wo gibt’s denn das, eine Wasserrutsche, bei der man sich nicht anstellen muss?? Für Großstädter ist das einfach unvorstellbar!

Röschen im Schwimmbad.

Die Tochter lässt vor dem Einstieg ins Wasser die Badelatschen fallen.

Ein Riesen-Becken, völlig unberührt. Da will man einfach nur reinspringen. Die Tochter schwimmt, rutscht und taucht ohne Unterbrechung fast anderthalb Stunden lang. Zum Schluss schwimmt sie einfach noch fast 10 Bahnen im großen Becken. Wahnsinn. Das hat sie offensichtlich echt gebraucht.

Als wir gegen 20 Uhr in der Unterkunft ankommen, sind wir beide extrem groggy. Wir essen noch ganz schnell was und kuscheln und dann gemütlich zusammen ins Bett.

Wochenende in Dessau Tag 3: Sonntag, der 26. Juli 2020

Barfuß in die Küche schlurfen und Tee kochen. Über den schönen Holzboden in unserer Unterkunft. Ich hoffe, er wird nie abgeschliffen. Er ist perfekt, wie er ist. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie weich und seidig er sich unter den bloßen Füßen anfühlt. Hier sind mehr als ein Jahrhundert lang Füße drübergeschlurft. Einfach toll.

Noch ein schönes Detail aus der Unterkunft, das gut den Stil wiedergibt.

Um 11 nehmen wir den Zug nach Hause nach Berlin. Das Wetter ist mau. Es regnet.

Als wir zu Hause ankommen und die erste Wiedersehensfreude abgeebbt ist, fühle ich mich nicht so gut. Ich habe Halsweh, mache mir Sorgen um meinen Vati, dem es wieder schlechter geht (er ist seit Donnerstag wieder im Krankenhaus), und überhaupt ist irgendwie die Luft raus. Ich frage mich, was mich wieder froh stimmen könnte.

Als erstes hilft, die schlechte Stimmung anzuerkennen. Ist okay, darf sein. Und dann hilft es, sich imaginär liebevoll zu streicheln und es sich schön zu machen. In meinem Fall kuschle ich mich mit meinem Mann ins Bett und wir schauen einen Film. Die Kinder dürfen parallel auch etwas schauen. Und ich schlafe ein Stündchen, das hilft auch sehr gut.

Nach dem Schläfchen gehen die Tochter und ich mit dem Hund raus, der sich total freut, wie mit uns unterwegs zu sein. Tolle Blüten blühen an einem Strauch.

Nachdem es den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag grau und regnerisch war, glänzt hier plötzlich ein knallblauer Himmel. Und es ist warm.

Die Walnüsse reifen schon. Plötzlich ahnt man auch hier den Herbst und die Erntezeit, obwohl es noch ganz sommerlich ist.

Nach dem Spaziergang in der Sonne kochen wir einen Schokoladenpudding. Das gibt es bei uns selten, deswegen freut sich die Tochter ganz besonders. Und so freue ich mich auch.

Der Pudding wird ratzfatz weggelöffelt. Und als wir nochmal eine Runde vorlesen, geht es mir schon wieder gut.

Und jetzt bin ich sehr müde und möchte nur ins Bett.

Deswegen wünsche ich Euch einfach eine gute letzte Juli-Woche. Wir sind am nächsten Wochenende wieder auf dem Land.

Ich wünsche allen Leser*innen, dass es Euch gut geht, und wenn es mal nicht so gut ist, dass Ihr lieb und weich zu Euch seid und Euch etwas Schönes gönnt. Sich selbst hart an die Kandare zu nehmen ist nicht gut für die Seele.

Gute Nacht! und schaut Euch gern andere Wochenenden in Bildern an, hier gesammelt auf dem Blog Große Köpfe.

Eure Maike

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