Von wirklichster Bläue: Wochenende in Bildern 23./24. September 2023

Ich bin auf Kur (heißt ja heutzutage Reha) im Schwarzwald wegen Erschöpfungsdepression. Seit Dienstag bin ich hier. Das Wochenende hat man als Kurpatientin komplett frei. Was für mich ein Traum ist, denn man kann hier wunderbar wandern. Und genau das habe ich getan.

Das Wetter war traumhaft spätsommerlich – genau so, wie Eva Strittmatter es in diesem Gedicht beschreibt:

Gedicht von Eva Strittmatter

Samstag, der 23. September 2023

Der Schwarzwald und die September-Sonne. – Nach dem Frühstück mache ich bei einem Wanderangebot des hiesigen Tourismusbüros mit: Eine „spirituelle Wanderung zu den Quellen“.

Tatsächlich kommen wir auf dem abwechslungsreichen Weg an drei Quellen vorbei, von denen die größte, stärkste den Ort mit Trinkwasser versorgt. Hach, der Schwarzwald.

Schwarzwald-Fichten. Unsere Wanderführerin erklärt, dass der Fichtenwald hier „Rotwald“ heißt, weil das Holz der Fichten rötlich ist.

Eine der Quellen. An jedem Haltepunkt an Bächen und Quellen liest unsere Führerin schöne Texte vor und zieht Analogien zum Leben. Die Quelle als Sinnbild für die Quelle für Lebenskraft zum Beispiel. Oder der Fluss des Lebens. Oder der Fakt, dass der Weg manchmal steinig und steil ist. Oder Hindernisse, die man meistern muss (wir müssen tatsächlich manchmal über quer liegende Baumstämme klettern). Viele Analogien sind mir vertraut, aber unsere Führerin spricht so schön darüber, dass ich mich davon ganz erfüllen lassen kann.

Unsere Führerin macht das so schön.

Sternenmoos.

Wir laufen schweigend 15 Minuten lang über einen ganz weichen Moosweg. Optional sollen wir barfuß gehen. Ich tue es und es ist so eine schöne Erfahrung. Es ist kalt und nass, aber ganz, ganz weich.

Nach dem Schweigeweg tauschen wir unsere Erfahrungen aus. Mir fällt ein, dass man auch mal den weichen Weg wählen darf, nicht immer nur den harten.

Zum Schluss schenkt unsere Führerin jede*r Teilnehmer*in eine Karte mit dem Bild einer Quelle und diesem Segenstext. Das passt so gut: Ich habe ja eine Beitrags-Reihe mit Impulsen für neue Wege begonnen, die meine Kur begleiten. Der zweite Beitrag war zum Thema „Segen erbitten“. Und nun bekomme ich einfach so einen weiteren Segen geschenkt.

Wie gut sich alles fügt! Wie richtig anscheinend alles gerade ist!

Wieder in der Klinik, ruhe ich mich aus und höre eine Meditation auf YouTube zum Herbstbeginn bzw. zur Herbst-Tagundnachtgleiche. In der Meditation geht es um Dankbarkeit und Loslassen.

Ich setze die Ideen aus der Meditation gleich um. Man soll zu den abgebildeten Fragen jeweils 5 Punkte aufschreiben.

Fragen Teil 2.

Am Abend gehe ich mit zwei Mitpatientinnen zu einer Singstunde in der hiesigen Kirche. Mir fehlt das Singen im Chor.

Nach dem Singen ist es dämmerig und der kleine Ort liegt still da. Ein wunderschöner Halbmond steht am Himmel. Leider hab ich noch nicht raus, wie man mit dem iPhone den Mond schön fotografiert. Das iPhone kann so viel, aber das mit dem Mond gelingt zumindest mir nicht. Hat irgendjemand Tipps?

In der Klinik gehe ich gleich schlafen und schaue zum Einschlafen noch einen schönen Film auf arte.tv.

Sonntag, der 24. September 2023

Beim Frühstück beschließe ich, nicht auf die geführte Wildkräuter-Wanderung zu gehen, die vom Tourismusbüro angeboten wird. Ich möchte lieber ganz allein wandern gehen. So suche ich mir auf komoot eine schön lange Wanderung aus. 4 Stunden dauert sie, steht dort. Es ist 8 Uhr, Mittagessen gibt es bis 13 Uhr. Perfekt, denke ich, das sollte ich also gut schaffen.

Los geht’s durch den Kurort. Es gibt hier wirklich schöne Häuser.

Eingetaucht in den Wald. Morgennebel steigt von einem Bächlein auf.

Ich liebe die Morgen im September.

Jagdhütte im Wald mit Ofenrohr und Plumpsklo.

Die Ameisen lieben den Wald auch.

Ich mag solche alten Namen. Ich male mir aus, warum dieser Weg so genannt wurde.

Nach einer Stunde Wandern habe ich den zweiten Bach überquert und steige wieder bergan. Und bemerke, dass ich noch gar nicht so weit gekommen bin. Ich habe noch kein Viertel der Wanderung geschafft. Eher ein Sechstel.

Ich stärke mich mit Äpfeln von einer Streuobstwiese. Sie schmecken herrlich nach den Äpfeln meiner Kindheit, und sie sind sehr nass und ein bisschen sauer. Perfekt als Wander-Wegzehrung. Essen und Trinken in einem.

Ich nasche immer mal wieder von Kräutern am Wegesrand. Hier Wiesenkerbel, sehr schmackhaft und viel intensiver im Geschmack als der Kerbel bei uns in Nordostdeutschland.

Waldschrat am Wegesrand.

Wild scheint es hier auch viel zu geben. Tatsächlich höre ich es mehrmals neben mir im Gebüsch laut knacken. Wahrscheinlich Rehe.

Manchmal muss ich eine Wiese überqueren. Mag ich nicht so; ist zwar schön, aber die Wiesen sind total nass und meine Turnschuhe sind nicht ganz wasserdicht.

Wieder rein in den Wald. Rechts von diesem Weg fließt ein gluckerndes Bächlein. Ich bin ganz allein, keine Menschenseele ist unterwegs. Ich genieße es so sehr, ganz autonom unterwegs zu sein und mich nach niemand anderem richten zu müssen. Keiner redet mir rein oder braucht etwas. Ich kann einfach machen, was ich will. Was für ein Segen. Das habe ich so lange nicht gehabt.

Spinnennetz. Darf jetzt im Altweibersommer natürlich nicht fehlen.

Ich gehe nochmal eine Runde barfuß, weil das gestern so schön war. Hier ist wieder ein Weg, der ganz weich ist. Ich sinniere vor mich hin und spüre, wie gut mir das tut, wie gut ich mich fühle. So gut wie schon lange nicht mehr. Mir kommt der Gedanke, dass das auch daran liegt, dass ich etwas tue, was die Menschheit über sehr viele Jahrtausende getan hat: Durch einen Wald laufen, den Boden spüren, in der Natur sein. Bei diesem Gedanken kommen mir plötzlich die Tränen. Ich laufe barfuß durch den Wald und weine.

Ich bin so glücklich über die Tränen, denn ich habe vor der Kur so lange keine mehr geweint.

Irgendwann wird der Weg wieder steiniger. Ich setze mich mitten auf den Weg, trockne meine Füße und ziehe Socken und Schuhe wieder an. Mache Pipi am Wegesrand, trinke einen Schluck und bemerke beim Blick auf die App, dass ich trotz zwei Stunden Wanderung noch lang nicht bei der Hälfte des Weges bin. Dabei laufe ich meiner Meinung nach ziemlich schnell. Es ist etwas rätselhaft.

Immer noch geht es am Bach entlang. Es ist so, so schön, wie die Sonne durch die Bäume scheint und das Gluckern des Wassers mich begleitet. So darf das Leben sein. Wunderschön. Und ich bin froh, dass ich es so genießen kann. So glücklich war ich schon lang nicht mehr.

Hier habe ich ein bisschen Halt gemacht, um dem Bach beim Gluckern zuzuschauen und zuzuhören. Sowas Beglückendes. Ich weiß jetzt, warum ich zur Kur in den Schwarzwald wollte. Nach genau solchen Eindrücken habe ich mich gesehnt.

Raubvögel kreisen über einem Dorf. Hier fließen zwei Bäche zusammen, den einen entlang bin ich gekommen, am anderen wandere ich nun zurück.

Der Weg ist wildromantisch, noch viel schöner als der andere. Immer direkt am Bach entlang.

Auch hier mache ich ein Päuschen, um das Gluckern des Baches zu genießen. Warum nur macht mich das so glücklich? Habe ich in einem früheren, sehr glücklichen Leben mal im Wald an einem Bach gewohnt? 😀

Immer weiter am Bach entlang. Jetzt bin ich schon 14 km gelaufen und habe zeitlich etwas aufgeholt, aber ich merke, es reicht mir. Meine Füße tun weh. Ich habe mich offensichtlich ein wenig übernommen mit der Strecke.

Nach einem weiteren Kilometer komme ich in eine kleine Ortschaft, die ich noch durchquere. Als ich die Landstraße überqueren soll, um einen weiteren Wanderweg zum Kurort einzuschlagen (noch 3,5 km), merke ich, dass ich nicht mehr möchte. Es ist auch 12:15 Uhr und ich würde wirklich gern zum Mittagessen zurück sein. Also beschließe ich zu trampen. Ich warte 2 Minuten, dann nimmt mich ein netter junger Mann mit. Mir ist ganz kurz etwas mulmig, als ich zu ihm ins Auto steige, aber ich bin sicher, dass die Gefahr beim Trampen absolut überbewertet wird. Die allerallermeisten Menschen sind gut. Und ich bin kein Opfer-Typ, das weiß ich nach 30 Jahren Großstadt, in denen ich so, so oft spät nachts allein durch dunkle Straßen nach Hause gelaufen bin. Der Typ nimmt mich die 3 km mit und fährt mich direkt zum Klinikeingang. Sehr freundlich.

Ich esse zwei Portionen Rinderbraten, so einen Hunger habe ich nach dieser Tour.

Danach mache ich sofort einen Mittagsschlaf. Zum Einschlafen höre ich eine Meditation zum Thema Nacken-Entspannung. Denn mein Nacken ist schon wieder verspannt. Ich weiß genau, dass ich im Nacken meine Sorgen ablade. Ich kann mich jetzt aber ganz gut entspannen und schlafe anderthalb Stunden. Herrlich. Ich liebe Mittagsschlaf.

Die Sonne scheint so schön. Ich nehme dieses Buch mit auf die Dachterrasse der Kurklinik und lese. Ein Buch mit wunderbaren Bildern über die verschiedenen Aspekte/Bedeutungen von Erzengel Michael, der am 29. September gefeiert wird.

Zum Abschluss des Tages gehe ich noch schwimmen. Eine Kurklinik ist schon was Tolles, man kann einfach schwimmen gehen. Es tut meinem Nacken so gut und meinem ganzen Körper, der sich nach der langen Wanderung ein wenig geschunden und schwer anfühlt.

Und Wunder was, beim Schwimmen lasse ich meine Gedanken schweifen und denke an jemanden, der mir mal nah war. Und wieder fließen die Tränen, ganz unverhofft. Wow.

Das war ein herrliches Wochenende. Ich habe ausschließlich getan, was mir Freude macht, und nichts, aber auch gar nichts hat mich geärgert, genervt oder gestört. Das ist echter Luxus. Und ich habe genossen und geweint.

Ich fange an zu verstehen, was die Kur mir bringen könnte. Ich beginne, mich selbst wieder zu spüren, wieder Gefühle zu haben.

Ab morgen gehen die Therapieprogramme richtig los; bisher hatte ich vor allem Informationsveranstaltungen, ein bisschen Walken und warme Packungen für meinen Nacken. Meine Therapeutin hier sagte, sie wolle mir vorerst nicht so viel Programm aufschreiben, weil sie den Eindruck habe, ich sei eher der Typ, der mal wenig Programm braucht. Vermutlich hat sie recht.

Aber mein Therapieplan für die kommende Woche ist schon voller. Morgen geht’s allerdings erst um 10:30 Uhr los, und dann auch noch mit einer warmen Fango-Packung für meinen Nacken. Ich bin so dankbar, dass man sich hier so schön um mich kümmert. Was für ein Segen.

Ich hoffe, Ihr hattet auch ein schönes, sonniges Wochenende und wünsche Euch eine gute Woche.

Eure Maike, die sich wie immer über Rückmeldungen und Kommentare freut.

Dieser Beitrag ist wie immer verlinkt bei Große Köpfe.

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Maike,
    durch Zufall bin ich über vor einigen Wochen über deinen Blog gestolpert und habe mich sehr inspiriert gefühlt von deinen Beiträgen und Bildern. Ich freue mich über deine Impulse und wünsche dir von Herzen eine schöne Zeit im Schwarzwald.
    Danke für deine tollen Beiträge
    Kristina

  2. Liebe Meike, wie schön von Dir zu lesen. Wie schön, dass Du nun endlich Deine Reha machen kannst und es scheint, Du hast genau den richtigen Ort gefunden. Bei Dir zu lesen, ist immer als wäre man dabei. Du nimmst uns mit und lässt uns eintauchen in den Ort wo Du grade bist. Gerade heute war das sehr schön für mich, ein kleiner Trost. Ich bin gerade krank und konnte den schönen Tag nicht draußen verbringen…
    Ich wünsche Dir, eine richtig gute Zeit, während Deiner Kur. Dass Du Dich gut erholen und gesunden kannst und den Weg entdeckst, der Dich voran bringt. Es wäre schön, wenn Du nach einer Weile wieder von Dir lesen lässt, wie es Dir so ergeht, bei Deiner Kur. Alles, alles Gute für Dich und auch für Deine Familie, die Dich sicher sehr vermissen wird.
    Ganz liebe Grüße aus Bayern,
    Von Simone

    • Liebe Simone, vielen Dank für Deine lieben Wünsche. Ich hoffe, dass ich auch dieses Wochenende wieder Bilder posten kann. Und ja, meine Familie vermisst mich sehr. Ich vermisse sie auch, genieße aber vor allem, dass ich autark sein kann. Dass sich mal jemand um MICH kümmert. Das ist sher schön.
      Liebe Grüße an Dich!

  3. Liebe Maike, vielen lieben Dank, dass du uns mit in den Schwarzwald genommen hast.
    Ich wünsche dir weiterhin einen wunderbaren Aufenthalt.
    Die kleinen Video Sequenzen sind richtig meditativ. Ich habe schon lange keinen Bach mehr plätschern hören.
    Liebe Grüße, Tanja

    • Liebe Tanja, hach ja. Das Geplätscher der Bäche hat mich auch ganz wehmütig gestimmt. Irgendwie ist das wohl in uns Menschen als etwas ganz Positives abgespeichert. Liebe Grüße an Dich!

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