Palermo bella: Unser Wochenende in Bildern 18./19. Mai 2019

Mein Mann und ich sind seit Montag ohne Kinder in Palermo, der Hauptstadt Siziliens. Wir hatten eine fantastische Woche voller Entdeckungen und Sinnesfreuden. Palermo ist einer unserer Traum- und Sehnsuchts-Orte. Die Stadt hat eine faszinierende Geschichte, in der sich die unterschiedlichsten Kulturen immer gegenseitig befruchtet und vermischt haben, unter anderem die christliche und die muslimische Kultur. Palermo (und ganz Sizilien) ist so reich, prächtig und wundervoll, weil so viele verschiedene Kulturen hier ihre Spuren hinterlassen haben. Auch den bröckelnden Charme der Stadt, die zum Teil verfallenen Ecken der Altstadt, das Laute, Sinnenfrohe und auch das Rätselhafte, schwer zu Entziffernde dieser Stadt übt einen großen Reiz auf uns aus. Wir sind die ganze Woche durch die Stadt getaumelt, jeden Tag knapp 15 km zu Fuß durch Gassen, Straßen, Paläste, Märkte und Hinterhöfe spaziert, haben überall Zeichen und Wunder entdeckt und natürlich fantastisch gegessen. Mein ultimativer Palermo-Tipp ist der Palazzo Butera, mehr dazu ganz unten, zwischen den beiden letzten Fotos.

Samstag, der 18. Mai 2019

Heute ist ein besonderer Samstag für die Palermitaner Schulkinder. Alle Schulen haben Vorführungen oder Ähnliches zum Thema ihres Viertels vorbereitet und sind draußen auf der Straße. Eine Klasse aus dem Hutmacher-Kiez der Kalsa, dem kleinen Altstadt-Viertel, in dem wir wohnen, hat etwas zum Thema „Markt und Marktschreier“ vorbereitet. Auf einem Plakat steht die Etymologie des Wortes „Abbanniata“, was das Anpreisen der Waren mit der Stimme bezeichnet, wofür die Palermitaner Marktschreier berühmt sind. Außerdem werden an die Vorbeigehenden Tütchen mit einer traditionellen palermitanischen Knabberei verteilt, nämlich Mandeln, Bohnen, Kürbiskerne, Kichererbsen und Pistazien, die mit den Zähnen aufgeknackt und dann (ungekocht!) verzehrt wurden bzw. immer noch werden, wie man uns mitteilt.

Die Schulklasse singt traditionelle Lieder und tanzt eine Tarantella in altmodischer Kleidung. So goldig.

Die Hüter der Nüsschen-Tüten sind gut gelaunt.

Tatsächlich sind mein Mann und ich auf dem Weg zum Markt, entdecken auf dem Weg aber erstmal diese unbekannte Kapelle in einem lauschigen grünen Hinterhof, das Oratorio Santa Caterina. Wir immer in Palermo ist alles reich ausgeschmückt und bemalt.

Auf dem Markt bekommt man alles, was das kulinarisch anspruchsvolle Herz begehrt, und noch viel mehr.
Das sind übrigens keine Brombeeren, sondern Maulbeeren („gelsi“) vom Maulbeerbaum:

Kleine Artischocken:

Wilder Fenchel, der in der Natur gesammelt wird und der in Palermos Traditionsgericht „Pasta con le Sarde“ kommt:

Broccolo, eine Mischung aus Blumenkohl und Brokkoli, ganz hellgrün, auch typisch für Sizilien:

Und wilder Spargel. Davon nehmen wir ein Bündel mit, denn das bekommt man nur hier.

Wir genehmigen uns das typisch palermitanische Streetfood „Panelle“, das sind frittierte Fladen aus Kichererbsenmehl, die ganz köstlich sind, und die hiesigen Kroketten („crocchè“), die mit Minze gewürzt sind:

In den Straßen um die Märkte gibt es auch unfassbar viel Kitsch zu kaufen:

In Palermo könnte man fast jede Straßenecke fotografieren. Überall findet man wunderbare bröckelnde Pracht.

Und schöne Hinterhöfe:

Und Palmen:

An diesem Kiosk machen wir auf dem Rückweg Halt, weil wir Durst haben.

Ich bestelle einen „Mandarino Verde“, also Limonade aus grünen Mandarinen, der aus Mandarinen-Sirup, Sprudelwasser und einer frisch gepressten Mandarine besteht, ganz irre grün ist und total lecker schmeckt. Die Steigerung davon ist der „Autista“, dem zur Verdauungsanregung noch Sodapulver beigemischt wird.

Zu Hause machen wir uns den wilden Spargel, der aber nicht so lecker schmeckt wie erwartet, nämlich ziemlich bitter.

Nach der Mittagspause machen wir einen Ausflug nach Mondello, das ist Palermos schicke kleine Strand-Vorstadt, in die man mit dem Bus fahren kann. Am Rande Mondellos gibt es ein kleines Naturreservat, das Riserva Naturale Capo Gallo, in dem man schön wandern kann. Das tun wir und sind begeistert von der herrlichen Natur. Rechts von uns das Meer, links von uns ragen steile Felsen auf.

Der Boden bringt ganz besondere Pflanzen hervor. Einige Arten hier sind endemisch, d.h. es gibt sie nur hier am Capo Gallo.

Der hellblaue Felsen in der Bildmitte ganz rechts ist der Felsen von San Vito Lo Capo, auf den wir an diesem Wochenende im Februar gewandert sind.

Die Abendsonne wirft einen silbrigen Streifen aufs Wasser.

Am Abend gehen wir in das fantastische kleine Slow Food-Restaurant „Scjabaca“ essen. Für mich gibt es als Vorspeise Caponata, das ist eine Art palermitanische Ratatouille, mit krossem Sesambrot. Dann ein zartes Schweinefleisch-Etwas mit karamellisierten Zitronen auf wildem Fenchel, und zum Nachtisch eine Panna Cotta mit einer scharfen, süßen Peperoncino-Marmelade (siehe Foto). Sowas Feines. Das Lokal gibt es erst seit einem knappen Jahr, und die Besitzer sind Köche, Kellner, Putzkräfte und alles andere Wichtige in einem. Sie beraten unwahrscheinlich herzlich und aufmerksam und schenken jedem Gast das Gefühl, alte Bekannte zu sein. Das Scjabaca ist meine absolute Empfehlung, wenn man gut und in äußerst angenehmer Atmosphäre palermitanische Küche mit Pfiff genießen möchte.

Die Straßen der Kalsa sind abends voll von ausgehfreudigen, fröhlichen Menschen. Die Bars, Clubs und Restaurants reihen sich in manchen Straßen eng aneinander. Das Viertel tobt bis ca. 2,3 Uhr nachts.

Sonntag, der 19. Mai 2019

Heute haben wir uns die Wanderung auf Palermos Hausberg Monte Pellegrino vorgenommen. Ich würde Euch gern mehr über unsere abenteuerliche Wanderung erzählen – wir haben unterhalb des Gipfels zwei Stunden lang den richtigen Weg nicht gefunden und kletterten dabei recht gefährlich zwischen Distelgestrüpp und scharfkantigen Felsen herum, bis wir schließlich mit zerkratzten Beinen aufgaben und einen anderen Weg nahmen…. Aber mein Mann möchte jetzt los und vor dem Essen noch einen Aperitivo irgendwo nehmen, und er hat recht — wir müssen unseren letzten Abend noch genießen, bevor wir morgen wieder nach Berlin aufbrechen. Deswegen müssen jetzt die Fotos reichen:

Aufstieg durch eine schmale, steile Schlucht

Man muss beim Aufstieg manchmal richtig klettern. Genau mein Ding.

Wenn man sich umdrehte, sah man Palermo von oben zwischen den Felsen liegen.

Blümchen am Wegesrand

Mitten auf einer Waldlichtung ein verfallenes Haus mit Botschaft: „Le ore sono strane: Alcune durano una vita, alcune durano un attimo“ (Die Stunden sind seltsam: Manche dauern ein Leben lang, manche nur einen Augenblick). Wer diese Weisheit wohl hier hinterlassen hat?

Umgestürzte Bäume über dem Weg.

Und Salamander am Wegesrand.

Oben auf dem Berg wird gepicknickt. Sonntags ist Picknicken in der Natur bei Italienern sehr beliebt.

Toller Blick vom Monte Pellegrino auf die Bucht von Palermo.

Tief unter uns das türkisblaue Meer. Ganz unten sieht man Häuser an der Küste. Der Felsen fällt mehrere hundert Meter steil unter uns ab.

Picknickpause mit Brot aus Grano duro, Schinken und Erdbeeren.

Hier kraxelten wir eine Stunde lang herum, um den Weg zu finden. Ein paar Meter weiter ging es steil nach unten. Es sah wunderschön aus, aber es war pure Wildnis mit kratzigen Disteln.

Hinunter ging es den alten Pilgerweg, der das Santuario der heiligen Rosalia auf dem Monte Pellegrino mit der Stadt verbindet.

Sooo… mit Blick auf diese Burg, die wir während dem Abstieg von oben sahen, warteten wir am Ende der Wanderung, wieder ganz unten angekommen, 40 Minuten auf unseren Bus, bis wir endlich müde nach Hause wanken konnten.

Eine Sache muss ich aber unbedingt noch loswerden. Die mit Abstand beeindruckendste Entdeckung in Palermo war der Palazzo Butera, der, vollkommen verfallen und verwahrlost, vor zwei Jahren von Massimo Valsecchi, einem megareichen Kunstmäzen aus Norditalien, gekauft und aufs Liebevollste und Genialste restauriert wurde. Der Palast ist immer noch im Ausbau, aber man kann Teile davon schon besichtigen. Wir wurden von einem zuckersüßen Kunst- und Architektur-Doktoranden persönlich herumgeführt, der beim Aufbau der geplanten Kunst-Sammlung ein Praktikum macht. Der Palazzo Butera ist meine absolute Empfehlung, sollte jemand der Leser darüber nachdenken, nach Palermo zu fahren. Der Palast soll zu einem interkulturellen Begegnungszentrum für Künstler werden. Die Vision von Massimo Valsecchi knüpft an die Geschichte Siziliens an, in der sich die Kulturen immer vermischt und voneinander profitiert haben. Sizilien ist so reich und prächtig, weil Einwanderer die Kultur immer bereichert haben. Darauf will Massimo Valsecchi mit seinem Konzept des Palastes Butera hinweisen. Ich könnte ganze Kapitel über die Schönheit und Raffinesse der Sanierung und des Ausbaus dieses Palastes schreiben, die Altes mit Neuem auf Schönste verbindet. Für uns war der Palazzo Butera bei Weitem schöner, interessanter und elektrisierender als der dröge, biedere und schlecht kuratierte Normannenpalast („Palazzo Reale“), das Wahrzeichen Palermos.

Im zum Palazzo Butera gehörenden Restaurant gehen wir heute Abend zum Abschluss unserer Reise essen. Und ich lege Euch ans Herz, Euch mit Massimo Valsecchi und seiner Vision des Palastes Butera vertraut zu machen. Das kann man in diesem Film auf arte.tv, durch den wir selbst auch vom Palast erfahren haben (ab Minute 2:30). Und wir hatten das unbeschreibliche Glück, Massimo Valsecchi im Palazzo Butera persönlich zu begegnen und ein paar Minuten mit ihm zu reden. Eins der beeindruckendsten Erlebnisse dieser Reise. Massimo Valsecchi ist ein Mensch, wie ihn die Welt und Europa mehr braucht.

Ein weiterer Film, in dem man viel Interessantes über Palermo erfährt, ist dieser Film.

Weitere Wochenenden in Bildern findet Ihr hier, auf dem Blog „Große Köpfe“.

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8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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    • Hallo Markus, Palermo ist auf jeden Fall eine Reise wert… zum selbständigen Entdecken echt traumhaft! Liebe Grüße an Dich!

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