Wochenende in Bildern

Filmfestival Cannes: Wochenende in Bildern 16./17. Mai 2023

Ich war seit Freitag Abend beim Filmfestival in Cannes!! Es ist nicht mein erstes Mal, ich war schon zweimal hier. Ich war ja früher in der Drehbuch-Entwicklung tätig.

Dieses Mal fahre ich aber verletzt: Am Donnerstagmorgen hatte ich einen Fahrradunfall und bin hart auf mein Gesicht gefallen. Rettungswagen, eine Nacht im Krankenhaus. Gesicht total geschwollen, Schürfwunden im Gesicht, ein paar Zähne beschädigt….

Aber am Freitag um 10:30 Uhr wurde ich mit Zahnschiene entlassen und bin dann direkt am Nachmittag zum Flughafen… weil ich mir gedacht habe: EGAL, dass mein Gesicht übler aussieht als jemals in meinem Leben, ich fahre trotzdem nach Cannes!

Ich schrieb meiner Freundin, die Pressearbeit für große Filme macht und in deren Apartment ich mitwohnen durfte: „Ich sehe aus, als hätte ich eine fette Botox-Behandlung und einen gewaltsamen Übergriff hinter mir!“

Sie schrieb zurück:

Hat sich dann übrigens bestätigt. Ich habe in Cannes viele, VIELE verformte Frauengesichter gesehen. Die weiblichen Schönheitsnormen sind so grausam. Ich verachte diese Frauen nicht. Sie sind Opfer patriarchaler Vorstellungen von und Erwartungen an Frauen. GENAU WIR WIR ALLE. Ich auch, denn sonst hätte ich mich nicht zerfleischt wegen meiner unvorteilhaften Wunden im Gesicht.
So sah ich am Freitagmorgen ungeschminkt im Krankenhaus aus… und meine beschädigten Zähne sind noch nicht mal im Bild…
Zu unserem Apartment in Cannes musste man ein Stück durch eine Tiefgarage gehen. Dort dieses Bild. Schönheit ist überall. Oder auch: sexualisierte
Frauenkörper?
In unserer winzig kleinen Wohnung stellen wir fest, dass wir einen wunderschönen Blick auf die Bucht von Cannes haben. Riesige Yachten liegen dort gerade vor Anker.

Samstag, der 16. Mai 2026

Am Morgen sieht es hier sehr viel friedlicher aus.
Akkreditierung abholen — und Kaffee in der schönen Lounge des Filmmarkts trinken, zusammen mit meinem Bruder, über dessen Firma (Film-Vertrieb) ich die Akkreditierung bekommen habe. Eine Market-Akkreditierung ist etwas ganz Feines; damit hat man besseren Zugriff auf Kinokarten. Außerdem Zugang zu dieser Lounge mit freien Getränken und zu interessanten Vorträgen/ Veranstaltungen zum Thema Filmemachen/Filmwirtschaft/Vermarktung und Finanzierung von Filmen.
Das spacige Kino Cineum etwas außerhalb des Zentrums von Cannes, wo ich heute 3 Filme schaue. Das ist alles toll, aber ich habe ein Problem: wegen meiner beschädigten Zähne kann ich aktuell nur Weiches essen, und nirgendwo gibt es Suppe oder Grießbrei oder Ähnliches. Ich finde tatsächlich nichts für mich Essbares und hungere mich durch den Tag. Nur ein sündhaft teurer Smoothie vom Kino rettet mich ein bisschen. Nicht mal weichen Toast kann ich kauen 🙁
Wieder zurück an der Croisette. Die Croisette ist die Straße parallel zum Strand, wo sich auch das Palais du Festival mit der berühmten roten Treppe/Teppich befindet. Im Palais unten ist auch der Filmmarkt, der wie eine Messe für Filmfirmen ist. Gegenüber des Palais sind die chicen Hotels und viele Restaurants, wo die Filmschaffenden essen. Die Restaurants sind rund um die Uhr gefüllt, es ist nicht einfach, einen Tisch zu erwischen.
Ständig sieht man Leute, die sich mit dem Festival-Palais im Hintergrund ablichten.
Um 19:00 Uhr treffe ich meinen Bruder und seine Frau, die einen Tisch in einem Restaurant ergattert haben. Dort esse ich endlich etwas: Tartare de boeuf (feines Rinderhackfleisch, roh, mit 6 Ingredienzien, die man selbst reinmischt) mit Kartoffelpüree. Endlich satt.
Meine Freundin stößt zu uns, und wir gehen später zur Party der chilenischen Filmwirtschaft. Eigentlich veranstaltet jedes Land der Welt mit seinen Filmschaffenden eine Party in Cannes, wenn sie Filme auf dem Festival laufen haben. Die Einladung hat mein Bruder organisiert, er ist in den Weltvertrieb eines chilenischen Filmes involviert.
Es ist eine richtig super Party, es wird wild getanzt. Meine Freundin und ich tanzen auch für 1 Stunde, aber dann sind wir total groggy und fahren zurück in unser Apartment, um zu schlafen.

Sonntag, der 17. Mai 2026

Noch 43 Sekunden, bis die Ticket-Plattform des Festivals für die heutigen Filmvorführungen freigegeben wird. Je nach Art der Akkreditierung ist es schwerer oder leichter, an Karten zu kommen. Es läuft folgendermaßen ab: um 7:00 Uhr werden die Karten des Tages freigegeben. Dann muss man binnen Sekunden hektisch herumklicken, um Karten zu erwischen. Man muss immer wieder die Seite aktualisieren, weil alle Akkreditierten hektisch herumklicken, und so in diesen paar Sekunden ständig Karten storniert und wieder freigegeben werden. Es ist zum Beispiel nicht möglich, zwei verschiedene Karten für einen Zeitslot zu buchen.
Ha. 7:07 Uhr. Ich habe zwei Tickets erwischt. Hier ein Screenshot „meiner“ Ticket-Plattform. Ich habe einen Wettbewerbs-Film erwischt, den ich unbedingt sehen wollte. Er wird hoch für die Palme d‘or (Hauptpreis des Festivals) gehandelt. Er ist heute auf Platz 2 der ziemlich akkuraten Liste des Filmmagazins „Screen Daily“, das die Wahrscheinlichkeit misst, ob Filme die goldene Palme gewinnen.
Nach dem hektischen Geklicke erstmal den Blick über die Bucht schweifen lassen. Schöööön.
Die fette Yacht mit den drei Schornsteinen ist immer noch da.
Meine Freundin und ich schauen heute den ersten Film zusammen – „Gentle Monster“ von Marie Kreutzer, mit Léa Seydou. Die Vorstellung fängt um 9:00 Uhr an. Beim Losgehen muss ich kurz auf sie warten und beobachte die fleißigen Bienen in dem Blütenstrauch vor unserer Tür.
Ein Gebäude neben dem Kino.
Im Kino befindet sich diese lustige Fotowand. Hier kann man sich selbst fotografieren und sich das Foto dann per E-Mail zuschicken lassen. Meine Freundin und ich nehmen jeweils eins auf.
Nach meinen zwei Filmen ist es 14:30 Uhr, und ich habe noch nichts gegessen. Ich beschließe, mich jetzt nicht um eine weitere Karte zu bemühen, sondern dass jetzt Essen Priorität hat. In einem Supermarkt beim Bahnhof kaufe ich weiche Aufstriche (Guacamole und Hummus) und suche mir dann einen Ort, wo ich das essen kann. Ist gar nicht einfach. Am Strand bei den internationalen Pavillons darf man nicht essen, in der schönen Market Lounge auch nicht, in den (vollen) Grünanlagen gibt es keine Bänke, überall sind Menschen. Wo es Sitzgelegenheiten gibt, muss man immer etwas bestellen, und das kann ich gerade alles nicht essen. (Und es ist auch schweineteuer, eine Cola kostet da 6 Euro!!!). Letztlich setze ich mich auf eine Mauer neben dem Palais du Festival, wo die Festivallimousinen parken und die Fahrer Pause machen. Sehr romantisch….
Ich habe jetzt ein Bedürfnis nach Ruhe und bin heilfroh, dass ich Zugang zu der Market Lounge habe. Ich hole mir dort Kaffee und Cola (hier muss ich das ja nicht bezahlen) und setze mich für ein Stündchen in die Sonne. An jedem Tisch hier besprechen Filmschaffende Projekte und mögliche Zusammenarbeit.
Meine Freundin und ich planen den Abend. Gehen wir / erwischen wir eine Party? — Ich schreibe die grünen Nachrichten. Ich bin immer noch erschöpft. Der Unfall sitzt mir doch noch in den Knochen. Mein Körper fühlt sich gerade gar nicht nach Party.
Ich frische meine Schminke auf und finde mich danach ganz präsentabel. Ich schaue mir noch eine interessante Präsentation im Markt an. Da wird anhand eines Fallbeispiels vorgestellt, wie ein internationales Filmprojekt finanziert wurde, an dem sehr viele Akteure beteiligt waren.
Filmschaffende am Strand im „International Village“, wo die Filmwirtschaften aller Länder jeweils einen weißen Pavillon haben.
Vor dem Palais du Festival, wo die Gala-Premieren stattfinden. Ich habe entschieden, doch noch einen Film zu gucken, in den ich mit meinem Festival-Badge (ohne gebuchtes Ticket) reinkomme, wenn noch Restplätze da sind.
Ich komme auf meinem Weg zum Kino Olympia an dieser Restplätze-Schlange für die Gala-Premiere im Lumière vorbei – glücklicherweise muss ich hier nicht anstehen! Die Leute stehen da manchmal 2 Stunden an, und nur ein paar Leute werden nachher reingelassen.
Nach meinem Film („Paper Tiger“, ein unkonventioneller Mafia-Film mit Scarlett Johannson, der 1986 in New York spielt) gehe ich doch noch zum Get-together des deutschen Films, wo auch meine Freundin mit Kolleg*innen ist. Das findet am deutschen Pavillon im International Village am Strand statt. Die deutsche Filmbranche ist hier anwesend, also viele Schauspieler*innen, Produzent*innen, Repräsentant*innen der Filmförderung, Verleiher*innen, …. Und jede*r kennt jede*n.
Gegen 23:00 Uhr ist das Get-together vorbei und alle Gäste werden rausgescheucht. Meine Freundin, ihr Kollege und ich beschließen, zum Abschluss ein Eis zu essen. Auf dem Weg zur Eisdiele kommen wir hier an diesen Leitern für die Fotografen gegenüber des großen roten Teppichs vorbei.

Und dann fahren wir schnurstracks mit dem Bus ins Apartment und gehen ins Bett. Ich bin so müde!

So, ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen Einblick hinter die Kulissen des Filmfestivals in Cannes geben. Essen ist hier übrigens für viele eine Herausforderung, man hat einfach keine Zeit dafür zwischen Filmen, Terminen, Wegen,.. und überall trifft man ja jemanden und muss über Filme reden und Gossip austauschen. Meine Freundin hat schon vor dem Festival gewitzelt, dass man eher ein Glas Champagner erwischt als etwas Ordentliches zu essen. Die „Champagner-Diät von Cannes“ ist legendär. Krass eigentlich.

Das Wochenende in Bildern ist wie immer verlinkt bei Große Köpfe.