Unser Haus auf dem Land Teil 1: Die Vorgeschichte

In einer mehrteiligen Serie erzähle ich, wie wir zu unserem Haus auf dem Land gekommen sind.

Ich bekomme immer wieder e-mails zu unserem Haus auf dem Land. ich werde gefragt, wie wir es gefunden haben, wie wir uns das leisten konnten, was das eigentlich genau für ein Haus ist usw. Ich verweise dann immer darauf, dass dazu auf dem Blog irgendwann ein ausführlicher Bericht kommt. Und hier ist der erste Teil. Es ist nämlich eine sehr schöne Geschichte!

Kurz lautet die Geschichte so: Leute ohne Eigenkapital und mit wenig Einkommen kommen zu einem Wochenendhaus mitten in der Natur nordöstlich von Berlin. Für viele Menschen ein Traum. Für uns war es auch einer. Und er ist Wirklichkeit geworden!

Im ersten Teil geht es darum, wie wir überhaupt erstmal zu ein wenig Geld gekommen sind, um den Kauf des Hauses zu ermöglichen.

Unser Haus in Berlin wurde verkauft

Unser ehemaliges Haus am Zionskirchplatz

Alles fing vor fünf Jahren an. Ende Januar 2016 erfuhren wir per Brief, dass “unser” Haus am Zionskirchplatz in Berlin, in dem wir zur Miete in einer sehr schönen Wohnung wohnten, verkauft worden sei. Das gesamte Haus, ein traumhafter Altbau mit Seitenflügel und zum Teil riesigen Wohnungen, sollte in lauter kleine Einzelwohnungen aufgeteilt, in großem Stil luxus-saniert und die Wohnungen dann einzeln weiter verkauft werden. So wurde es uns zumindest erzählt.

Die Kosten für die Luxus-Sanierung sollten ganz gesetzeskonform auf die Mieten umgeschlagen werden, wenn man denn weiterhin dort wohnen wolle. Ein “Mietmanager” war deshalb vom neuen Eigentümer beauftragt, mit allen Mietern zu sprechen und ihnen zu erklären, was ihre Optionen waren. Das erfuhren wir per Brief und sollten einen Termin mit dem “Mietmanager” vereinbaren.

Der Zionskirchplatz, auf den wir von einem verglasten Erker schauten, war schon sehr schön…

Der “Mietmanager” war ein Rausschmeißer

Die Aufgabe und das Ziel des “Mietmanagers” war es ganz offensichtlich, alle Mieter zum Auszug zu bewegen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Der Wert einer Immobilie steigt unermesslich, wenn das Objekt nicht vermietet ist. Je mehr Leute ausziehen, umso mehr Geld springt für den Investor raus. Und zwar SEHR, SEHR viel mehr Geld. Besonders vor ein paar Jahren, als die Immobilien-Preise in Berlin anfingen, total zu explodieren. Und das war ganz besonders der Fall in innerstädtischen Luxus-Lagen wie am Zionskirchplatz, wo Grün, viele schöne Spielplätze, gemütlicher Flair mit kleinen Restaurants, Cafés und besonderen Läden mit der Nähe zum Zentrum zusammen kommen. Unser Haus war ein Spekulationsobjekt.

Weil uns nichts Gutes schwante, googelten wir vor dem ersten persönlichen Treffen den Namen des Herrn “Mietmanagers”. Wie wir herausfanden, hatte er die Aufgabe des Rausschmeißers schon mehrfach erfolgreich ausgeführt. Bei einem Haus nicht weit von uns im nördlichen Prenzlauer Berg hatte er z.B. nicht davor halt gemacht, eine 85-jährige Dame aus ihrer Wohnung zu ekeln, die dort schon seit ihrer Kindheit lebte. Es gab mehrere empörte, zum Teil fast hasserfüllte Artikel über den Herrn. Vom Mieterverein, in einer Tageszeitung und von Mietergemeinschaften, die versucht hatten, sich gegen den Druck und seine Machenschaften zu wehren.

Leider ohne Erfolg. Auch bei den anderen Mietern des Hauses mit der alten Dame war unser Mietmanager “erfolgreich” gewesen. Und zwar mit Schikane. Z.B. Ausfall der Heizung bei -10°C im Winter: über Tage hinweg reagierte keiner, repariert wurde die Heizung erst Wochen später. Der Strom im Treppenhaus “fiel aus”, und wieder reagierte keiner. Offene Haus- und Kellertüren über Tage hinweg – und es waren nicht die Mieter, die die Türen immer wieder aufschlossen oder offen stehen ließen! -, daraufhin Einbrüche und zum Teil Obdachlose in den Kellern. Ein verhängtes Gerüst vor allen Fenstern über ein ganzes Jahr? Tja, das erfordert eben die Sanierung…. usw….

Uns schwante definitiv nichts Gutes. Und eins war klar: Man wollte uns loswerden.

Unsere drei Optionen

Zu uns war der “Mietmanager” sch***-freundlich. Er war super höflich, fachsimpelte mit meinem Mann über Espresso und schaute sich dabei mit verstohlenen Blicken in unserer traumhaften Wohnung um. In gewählten Worten und sehr freundlich machte er uns in dem Gespräch unsere drei Optionen klar:

  • Option 1: Als Mieter in der Wohnung bleiben (“Dazu haben Sie natürlich gesetzlich das Recht”). Nach der Sanierung würde die Miete allerdings leider um etwa 40% steigen, “alles legal! Der Besitzer ist ausgesprochen fair und hat sich genau erkundigt, was seine gesetzlichen Möglichkeiten sind” (!). Und leider hätten wir in dem Fall auch die “Unannehmlichkeiten” während der Sanierung auszuhalten, den Lärm, die Baustelle… “und so weiter“. Ich dachte an die eisigen Berliner Winter, die unregelmäßigen Stufen im Treppenhaus und unsere Sachen im Keller. Mich fröstelte.
  • Option 2: Die Wohnung nach der Luxus-Sanierung selbst kaufen. Nein, in der Wohnung selbst würde nichts gemacht werden, außer dass die Heizung ausgetauscht würde. Einen Preis könne man leider nicht nennen. Das würde dann in einem späteren Schritt mit dem Eigentümer verhandelt werden. Nein, den Preis könne man jetzt wirklich nicht einschätzen, bedaure. – Nein, wirklich nicht, tut mir sehr leid.
  • Option 3: Ausziehen und dafür eine finanzielle Belohnung (“Abfindung”) mitnehmen.

Die einzige Lösung: Option 3

Ihr ahnt es schon: Wir haben uns für Option 3 entschieden. Wir haben natürlich alle Optionen genau geprüft, aber uns blieb nur Option 3. Warum?

Option 1 (Bleiben mit späterer Mieterhöhung) kam für uns nicht in Frage, ganz einfach aus dem Grund, dass wir uns schon die aktuelle Miete kaum leisten konnten. Wir zahlten nämlich keinen niedrigen Nachwende-Preis wie andere Mieter im Haus, die dort zum Teil schon seit Mitte der 1990er Jahre wohnten.

Wir waren 2008 eingezogen und bezahlten mehr als das Doppelte als z.B. die Familie über uns, die schon als Studenten im Haus eingezogen waren. Das Haus war nämlich Anfang der 2000er Jahre schon einmal grundsaniert worden. Unsere Wohnung verfügte über eine ausgesprochen leistungstüchtige Gasetagenheizung, ein modernes, hochwertiges Bad und insgesamt eine traumhafte Ausstattung. Unsere 130 qm große Fünf-Zimmer-Wohnung (!!) hatte eine Raumhöhe von fast vier Metern, Stuck an der Decke, Parkett- und Dielenboden, wunderschöne Details wie ein alter Jugendstil-Kachelofen und einen Natur-Kühlschrank in der Küche, gekalkte Wände (!) und, das Tollste: Ein salon-artiges, riesiges Wohnzimmer, das fünfeckig war und einen großen verglasten Erker auf die grünen Bäume des Zionskichplatzes hatte. Kurz: Es war eine absolute Traum-Wohnung. Die für uns persönlich zwar recht hohe Miete war objektiv gesehen absolut in Ordnung und gerechtfertigt. Wir wären freiwillig niemals ausgezogen. Aber 40% mehr Miete waren für uns definitiv nicht drin. Die Miete verschlang jetzt schon mehr als die Hälfte unseres Einkommens.

Aus dieser Wohnung ausziehen?! (Das war nur ein Teil unseres riesigen, 5-eckigen Wohnzimmers. Das Sofa ist 3 m lang.)

Auch Option 2 (Kaufen) kam nicht in Frage, aus drei Gründen:

Erstens weigerte man sich auf Seiten des Besitzers hartnäckig, uns ein konkretes Preis-Angebot zu machen. So wurden wir in der Annahme bestätigt, dass man gar nicht an Mieter verkaufen wollte. (Das hat sich im Nachhinein bestätigt. Das Haus sollte tatsächlich nur leer geräumt und weiter verkauft werden — es war tatsächlich ein reines Spekulationsobjekt).

Zweitens, viel gewichtiger: Wir hätten einen Kauf nicht finanziert bekommen. Keine Bank hätte uns einen Kredit gegeben (glaubt es ruhig, wir haben es versucht). Wir sind beide selbständig bzw. freiberuflich tätig, mit eher niedrigem Einkommen, und wir hatten 0 Euro Eigenkapital. Wirklich null. Wir haben immer zu wenig verdient, um viel beiseite legen zu können. Das einzige Vermögen unserer Eltern steckt fest in deren eigenen Wohn-Immobilien, so dass wir von dieser Seite auch keine Hilfe erwarten konnten. Mein Mann und ich kommen beide, seit wir als junge Leute bei unseren Eltern ausgezogen sind, ohne einen einzigen Cent finanzielle Hilfe von unseren Eltern aus. Wir können sie nicht mal um 50 Euro für Kinderschuhe bitten, wenn es finanziell mal richtig eng ist. Wir müssen und mussten wirklich unser Leben lang jeden einzelnen Euro, den wir ausgeben, selbst verdienen.

Unsere absolute finanzielle Unabhängigkeit von unseren Eltern macht uns zwar stolz und hebt uns ungefähr zu 100% von allen anderen Menschen ab, die wir kennen. Aber manchmal macht es das Leben nicht unbedingt einfach.

Warum wir gar nicht bleiben wollten

Drittens, am allergewichtigsten: Die anstehende Luxus-Sanierung hätte für uns persönlich den Wert unserer Wohnung gesenkt. Natürlich nicht den finanziellen Wert. Aber den ideellen.

Was wir an der Wohnung und unserem Haus nämlich besonders liebten, war die nette Hausgemeinschaft mit den vielen Familien und kreativen, lockeren Menschen unseres Schlags. Außerdem den schönen, schrabbeligen Innenhof mit Wiese und ein paar Büschen, wo die Kinder radfahren und kreativ spielen konnten, und wo man kleine Feste feiern konnte. Der Hof wäre im Zuge der Sanierung einer “gepflegten Anlage” gewichen, in der kein Kind je spielen würde. Ihr wisst schon, so ein totsanierter Hof mit Entschuldigungs-Sandkasten in der Größe von einem Quadratmeter zwischen Fahrradständern und einem großzügigen Mülltonnen-Verschlag, und durch niedrige Eisengitter abgeteilte Beete mit immergrünen, pflegeleichten Pflanzen. So sehen nämlich fast alle Berliner Innenhöfe von sanierten Häusern aus, weil die neuen Besitzer der Wohnungen das angeblich so wollen: Gepflegt. Still. Aber leider tot, weil dort kein Leben mehr stattfindet.

Außerdem deutete sich an, dass alle unsere Lieblings-Nachbarn dabei waren, Option 3 zu erwägen (Auszug plus Abfindung). Einer Familie kam die Situation sogar gelegen, denn sie hatten gerade eine Wohnung gekauft und wollten ohnehin ausziehen. Da war die Abfindung für sie schlicht ein Sahnehäubchen. Lucky them.

Geburtstags-Tisch
Kindergeburtstag in unserem Innenhof. Bald Vergangenheit?
Zelt im Hof
Ein Hinterhof, in dem gespielt wurde

Anstehender Bevölkerungsaustausch

Unter diesen Umständen wollten wir hier gar nicht weiter wohnen. Wir wussten schon, wer nach der Sanierung und dem Weiterverkauf der Wohnungen statt der gemütlichen Familien hier einziehen würde: Leute (Singles, Pärchen oder Kleinfamilien) mit richtig viel Geld und strengen Arbeitstagen in Ministerien, Agenturen, Firmen, Redaktionen oder Kanzleien. Leute mit abendlichem Ruhebedürfnis. Leute, die ihre Balkone nicht begrünen, weil ihnen dafür die Zeit fehlt. Leute, die unter der Woche nicht mit Knoblauch kochen (wenn sie überhaupt kochen). Leute, die sich abends nicht spontan mit einem Bier mit auf den Hof setzen und den Kindern beim Spielen zugucken. Leute, die kein Hof-Fest mit organisieren, weil sie keine Zeit haben und es ihnen auch nicht wichtig ist (und weil der Hof sich leider nicht mehr zum Feiern eignet). Leute, die alles teuer neu kaufen statt einen alten Schrank von der Straße im Hof aufzuarbeiten und damit die Kinder des Hauses zu faszinieren. Leute, die meckern, wenn Kinder an einem sonnigen Sonntagmorgen um acht Uhr auf dem Hof herumrennen und Fangen spielen. Oder gar Leerstand in den Wohnungen, weil die Wohnungen nur als Investment gekauft wurden.

Denn so läuft das leider normalerweise in Berlin-Mitte. Es war im direkten Umfeld in den letzten Jahren mannigfach passiert. Unser Haus war eine der letzten gemütlichen Bastionen im Kiez, mit sozial gesinnten Bewohnern in kreativen, künstlerischen und musischen Berufen mit wenig oder mittel viel Geld. Die Leute in unserem Haus waren Graphiker, Ausstellungsdesigner, Independent-Filmemacher, Autor*innen, eine Pianistin, eine Architektin, ein Student, eine Geigenlehrerin, ein Café-Betreiber, ein Kameramann und ein Musiker für Weltmusik. Und fast alle hatten Kinder. Und zwar freche, lebendige, natürliche Kinder.

Wie bei Momo: Graue Männer statt bunter Menschen

Mit dem Bevölkerungsaustausch der letzten 20 Jahre hatte sich auch das Umfeld und das Leben im Kiez verändert. Weil nur Arbeitstiere in die Gegend nachgezogen waren, waren auch die Straßen und Cafés jetzt vormittags leer. Statt kleinen Geschäften mit Eisenwaren, Secondhand-Möbeln oder Büchern waren Nobelboutiquen in die Lädengeschäfte gezogen. Auf dem Zionskichplatz saßen im Sommer nicht mehr bis spät in die Nacht feierfreudige Menschengruppen, die spontan Musik machten. Statt flippigen Studenten auf dem Fahrrad sah man jetzt morgens Männer im Anzug unauffällig in SUVs steigen und leise davon rollen.

Man könnte es auch so ausdrücken: Hier wohnten inzwischen mehr graue Männer als bunte Menschen.

Auf den Spielplätzen sah man kaum mehr ökige Mamis, die Erdbeeren an alle Kinder verteilten, sondern zunehmend unterkühlte Frauen in Designer-Mänteln, die ihre zweijährigen Kinder unbeholfen auf die Rutsche hoben und sie wortreich ermahnten, ihr Sandzeug zu teilen. Außerdem Nannies und Au-Pairs, die mit den ihnen anvertrauten Kindern umgingen wie kühle Gouvernanten. Und damit nicht genug: In die Zionskirchstraße nur ein paar Häuser weiter war kürzlich Beatrix von Storch von der Berliner AfD gezogen. Man sah sie gelegentlich mit saurem Gesicht auf der Straße und bekam dabei richtig schlechte Laune. Kurz: Eigentlich war die Gegend für uns schon lange tot-gentrifiziert und ungemütlich geworden.

Also: Weder Bleiben noch Kaufen waren von unserer Seite gewünscht oder möglich.

Den Kiez verlassen?

Das früher geliebte, aber jetzt tot-gentrifizierte Viertel zu verlassen erschien uns plötzlich eine Option. Eine finanzielle Abfindung zu erhalten fanden wir als immer geldknappe Menschen außerdem attraktiv.

Das einzige Problem: Wir mussten eine andere Wohnung finden. Und das rasch. Denn im Sommer sollte es laut Mietmanager mit der Sanierung losgehen. — Heute wissen wir zwar, dass das alles Lug und Trug war. Dass die Luxus-Sanierung nie geplant war. Es ging von Anfang an ausschließlich darum, das Haus zu “entmieten”, also die Mieter loszuwerden, und damit den Wert des Objektes zu steigern. Denn kurz nachdem fast alle Mieter ausgezogen waren, wurde das Haus weiter verkauft. Zu einem absolut horrenden Preis. Trotz der gezahlten Abfindungen und der sicher königlichen Bezahlung des Mietmanagers hatte sich das Geschäft für den ersten Investor gelohnt. Das Haus ist seitdem übrigens schon zweimal weiter verkauft worden; die Wohnungen stehen weiterhin leer. Es ist also bis heute ein Spekulationsobjekt geblieben. Traurig, aber wahr.

Herausforderung “Wohnungssuche für vierköpfige Familie”

Aber zurück zu unserer Geschichte. Wir hielten das mit der Luxus-Sanierung für die Wahrheit – klang ja plausibel. Aber um unsere Abfindung zu erhalten, mussten wir erstmal eine Wohnung für vier Personen finden. Denn ohne einen neuen Mietvertrag in der Tasche wollten wir natürlich keine Vereinbarung unterschreiben.

Aber eine bezahlbare (!) Wohnung für eine vierköpfige Familie mit kleinen Kindern zu finden, war 2016 in der Berliner Innenstadt schon fast unmöglich (jetzt ist es unmöglich). Wir kannten (und kennen immer noch) zahlreiche Familien, die zu viert oder zu fünft in kleinen Drei-Zimmer-Wohnungen leben, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Alles, was nur ein kleines Zimmer mehr hat, kostet/e mindestens das Doppelte oder Dreifache der jetzigen Wohnungen. Da entscheiden sich viele, einfach zu bleiben, wo sie sind.

Wir wussten also schon, dass es nicht einfach wird. Hinzu kam: Mein Mann musste wegen seiner Arbeit günstigerweise zentrumsnah wohnen. Vor allem aber hatten wir den Schulplatz für die große Tochter an unserer Traumschule in Mitte, den wir absolut nicht aufgeben wollten. Das hieß, wir mussten im Einzugsbereich der Schule bleiben, wenn wir nicht unser gesamtes Leben organisatorisch umkrempeln wollten. Das bedeutete, dass wir maximal drei bis vier Kilometer vom Hackeschen Markt entfernt eine Wohnung finden mussten. Denn wir hatten (und wollten) kein Auto, so dass wir und die Kinder im Sommer mit dem Fahrrad und im Winter mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fahren mussten. Eine Möglichkeit war es, uns entlang der U-Bahn-Linie U8 anzusiedeln, also irgendwo zwischen Hermannstraße und Wittenau. Doch wollten wir das wirklich? Ernsthaft: Reinickendorf?

Noch guter Hoffnung

Aber wir waren guten Mutes. Schließlich haben wir immer gute Ideen und sind bereit für unkonventionelle Wege. Meine Familie ist außerdem bekannt für Immobilien-Glück. Wir haben da einfach ein Händchen: Weil wir um die Ecke denken, Kompromisse machen können und die Augen und Ohren auch für Objekte aufsperren, die jenseits der Kriterien der meisten anderen Suchenden liegen. Ich kannte auch die besten drei Immobilien-Suchtipps: 1. Bloß nicht zu viele Suchkriterien haben. Am besten nur einen absoluten Maximalpreis festlegen und ansonsten alles in Betracht ziehen, was da kommt. ALLES. 2. Alles real anschauen, was nur im Entferntesten in Frage kommt. Jede einzelne Besichtigung führt einen weiter, vom Gefühl und von den Optionen her. 3. Am besten von November bis Weihnachten suchen, wenn alle anderen mit Weihnachtskram beschäftigt sind. — Gut, das fiel in unserem Fall weg, denn Weihnachten war gerade vorbei.

Freude über Neuanfang

Und trotzdem: Es dauerte nicht lang, und ich freute mich regelrecht auf ein neues Zuhause. Wir hatten zwar die absolute Traum-Wohnung, aber die Umstände unserer aktuellen Situation würden sich definitiv dramatisch verändern. Hatten sich im weiteren Umfeld schon längst geändert. Irgendwie fand ich, dass nach mehr als sieben Jahren in unserer tollen Wohnung die Zeit gekommen war, zu neuen Ufern aufzubrechen. Ich fühlte: Es war Zeit.

Auch wenn es unmöglich scheint: Es gibt immer Optionen.

Veränderung ist etwas Gutes

Ich wusste zudem aus Erfahrung: Veränderungen bedeuten immer etwas Gutes. Jegliche Veränderung gibt dem Leben neuen Schwung, neuen Antrieb. Veränderung ist immer die Chance, sein Leben neu so auszurichten, dass es (noch) besser zu einem passt.

Außerdem bin ich ein neugieriger, abenteuerlustiger, gestaltungsfreudiger und tatkräftiger Mensch. Ich freute mich darauf, die neue Lebenssituation anzupacken. Die Möglichkeit auf Veränderung machte, dass es mich vor Tatendrang regelrecht kribbelte. Ich freute mich darauf, Optionen auszuloten und meine Fantasie spielen zu lassen. Die ging nämlich sofort mit mir durch.

Ich sah uns schon…

  • in einer Art alter Fabrik-Remise mit altem Glasdach, die ich durch ausgedehnte Streifzüge in einem Hinterhof in Mitte ausfindig gemacht hatte, und die wir mit dem Abfindungs-Geld in ein Wohn-Kleinod mit begrüntem Hof verwandeln würden.
  • in einem kleinen Haus mit Garten in Reinickendorf, wo die Mieten noch geringer waren – warum nicht? Ein Garten und die Nähe zu irgendeinem Wald wiegt so vieles auf!
  • in einer Erdgeschosswohnung (immer billiger) in Prenzlauer Berg auf einen riesigen Hinterhof hinaus, die Teil eines Genossenschaftsprojektes war, mit lauter netten Familien als Genossenschaftsmitgliedern, mit denen wir eine nette Gemeinschaft hatten, mit vielen jahreszeitlichen Festen und Kindern jeder Altersstufe
  • in einer anderen tollen Altbauwohnung mit Stuck, Parkett und unkonventionellem Schnitt in Mitte, die wir über WBS (Wohnberechtigungsschein) bekommen hatten. Zumindest noch vor ein paar Jahren gab es nämlich tolle, unsanierte Altbauwohnungen für Leute mit WBS (den wir sicher auf Antrag bekommen würden)…

Und so weiter. Ich hatte auch ganz konkrete Pläne und Ideen, wie ich vorgehen würde, um an eine schöne Wohnung für uns zu gelangen. Auf keinen Fall über Immobilienscout24, ImmoNet und Konsorten. Dafür über alte Kontakte zu Leuten in Wohnungsstellen des Bezirks. Über ein altes Anrecht auf eine Umsetzwohnung wegen Sanierung, das mir eigentlich noch zustand. Dann gab es da noch diese traumhafte ehemalige Nachbarswohnung meines Mannes, deren Bewohner immer ausziehen wollten… Außerdem Ideen für Zettel-Aktionen in allen attraktiven Kiezen, natürlich auch allen Bekannten und Freunden Bescheid sagen, unkonventionelle Suchanzeigen in dafür unkonventionellen Medien, aktive Suche nach leer stehenden Wohnungen, Initiativbewerbungen bei Hausverwaltungen…. Wir würden alle Hebel in Bewegung setzen. Wäre doch gelacht, wenn wir dadurch nicht einen einzigen ungeschliffenen Wohnungs-Diamanten für vier Personen finden würden!

Es kam natürlich ganz anders als gedacht. Wie und was wir gefunden haben, erfährst Du im nächsten Teil der Serie, den ich hoffentlich im Laufe der nächsten zwei Wochen fertig habe.

Hier findest Du in Kürze den Link zu Teil II.

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11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Bevor die Rosen und der längste Tag gekommen: Wochenende in Bildern 12./13. Juni 2021 - feinslieb

    • Ich bin am zweiten Teil dran! Das sollte in Kürze kommen 🙂 Genau weiß ich es nicht, aber ich versuche es diese Woche!
      Es ist schon viel länger geplant, aber ich habe es einfach nicht geschafft.
      Liebe Grüße,
      Maike

  2. Pingback: feinslieb Flohmarkt / Give-aways gegen Spende - feinslieb

  3. Ich bin auch schon ganz gespannt! Wir haben bei uns in Schwerin mehrere Jahre nach einem Haus zum Kauf/Sanierung gesucht und dann neu gebaut – hätte ich auch nie gedacht, aber wie du sagst, man muss flexibel bleiben. LG Maren

    • Alle sind gespannt, das finde ich total cool! Ja, bald geht’s weiter — irgendwann nächste Woche kommt Teil 2! Ja, man darf sich nicht auf etwas versteifen. Die Leute, die sich auf eine bestimmte Vorstellung fixieren, finden gar nichts. Habe ich im Umfeld schon oft so erlebt.

  4. Liebe Maike, Du schreibst äußerst spannend! Ich bin so neugierig, wie es weiter geht und kann Teil 2 kaum erwarten
    Viele Grüße von Monika

    • Liebe Monika, so lustig, Du bist nun schon die zweite, die so gespannt ist. Das hätte ich gar nicht gedacht 🙂 Es geht bald weiter, der zweite Teil ist schon in Arbeit! Liebe Grüße!

    • Liebe Marlen, hihi!!! Ich schreibe schon an der Fortsetzung. Die kommt in Kürze! Liebe Grüße, es freut mich, dass es überhaupt gelesen wird!!!

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