Die Hagebutte glüht im Regen aus: Wochenende in Bildern 9./10. November 2019

Dieses neblig-stille November-Wochenende haben wir in unserem Haus auf dem Land verbracht, wie immer um diese Jahreszeit mit Feuer und in Bewunderung für das Leuchten der Natur, bevor sie verglüht.

Auch wenn ich die eindeutig kriegsgeprägte Metaphorik in diesem Gedicht von Günter Eich nicht so mag, die Naturbeschreibungen entsprechen sehr der Jahreszeit und der Gegend um unser Haus in Nordostdeutschland:

Variationen über eine Novemberlandschaft

Grau wie der Nebel
Spinnwebenrest.
Die krächzende Elster
die Erde verläßt.
Ein Schemen im Raum 
beschwert sie den Baum.
Die Hagebutte vergebens ihr Rot verbrennt.
Die Fichtenschonung steht wie ein Regiment.

Die Parasole
ungesammelt
färben sich schwarz.
Die Elster stammelt.
Als spräche der Raum,
behext sie den Baum.
Die Hagebutte spinnt sich mit Nebel ein.
Die Fichtenkrone späht in die Senken hinein.

Spinnwebenreste
zu Nebel gewebt,
der Parasol
im Gifthauch schwebt.
Es segelt vom Baum 
der Elsterflaum
Die Hagebutte glüht im Regen aus.
Das Fichtenheer marschiert in die Wiesen hinaus.

Günter Eich

Freitag, der 8. November 2019

Unser Wochenende beginnt am Freitag Abend, denn die kleine Tochter und ich ergreifen die Gelegenheit und gehen zur Ausstellungseröffnung einer Bekannten in Moabit.

Ich mag ihre Graphiken und Zeichnungen sehr. Wenn ich unendlich viel Geld hätte, würde ich ihr eines ihrer Werke abkaufen.

Ich fühle mich heute unendlich gut und befreit, denn diese Woche habe ich nach vielem Abwägen final entschieden, die Firma nicht zu gründen, die ich eigentlich heute gründen wollte. Wir haben vor drei Tagen den Notartermin abgesagt, der heute Vormittag gewesen wäre. Nur in absoluter Kurzfassung meine Gedanken dazu: Das Unternehmen war zu komplex, das technologische Risiko zu hoch, und ich hätte faktisch vier Jahre lang nur gearbeitet, und zwar in einem Bereich, der mir nicht mal große Freude bringt. Meine Kinder hätten mich wohl nur noch von hinten gesehen. Das wäre es mir nicht wert gewesen, eine technologische Innovation zu entwickeln, die sich nach ein paar Jahren mit Riesen-Gewinn hätte verkaufen lassen. Das Leben ist jetzt. Ich bin lieber arm und glücklich als vier Jahre lang bis in die Nächte hinein schuftend in einem Büro und dann vielleicht reich. Jetzt habe ich wieder Freiraum, um andere Projekte zu entwickeln, die ich zum Teil seufzend auf die lange Bank geschoben hatte. Schöne Dinge, die mir wirklich Freude bringen.

Die große Tochter ist über Nacht bei Freundinnen, mein Mann ist schon seit Donnerstag auf dem Land, so dass die kleine Tochter und ich uns einen gemütlichen Abend zu zweit machen. Abendessen gibt es auf dem Sofa, während wir einen Naturfilm auf arte schauen, nämlich einen aus der schönen Reihe „Von Tieren und Hexen„.

Samstag, der 9. November 2019

Heute sind es 30 Jahre Mauerfall. Ich/wir gehören zu den Menschen, denen das Datum viel bedeutet, denn mein Mann kommt aus der ehemaligen DDR, ich aus Westdeutschland, und wir wären uns vielleicht nie begegnet, wenn die Mauer noch stünde. Wir verbinden mit dem Mauerfall jedoch nicht nur glückselige Gedanken, sondern haben dazu aus politisch-gesellschaftlichen Gründen komplexe Gefühle und Erfahrungen.

Am heutigen Vormittag sind wir aus anderen Gründen getrennt, denn mein Mann ist ja auf dem Land, um in Ruhe zu arbeiten. Wir drei Mädels/Frauen fahren heute mit dem Zug hinterher.

Die kleine Tochter und ich verbringen den Morgen gemütlich kuschelnd und vorlesend im Bett.

Diese Puppe mit einem Overall aus 100% Kaschmir hat sich gestern auf die Reise zu ihrer neuen Familie gemacht, wo sie eine Schwester antreffen wird.

Aber ich muss natürlich nach draußen schnuppern, so lang der Tee zieht, und freue mich an den frischen Gerüchen und Farben im Garten:

Diesen Baum aus Tonpapier haben die Kinder gebastelt und an die Terrassentür geklebt:

Mit dem Fahrrad zur Geigenstunde der Tochter:

Als wir vom Geigen nach Hause kommen, ist die große Tochter eingetroffen. Wir packen schnell unsere Siebensachen und gehen zum Bahnhof, um aufs Land zu fahren.

Auf dem Land begrüßt und eine verzaubert-novemberliche Landschaft. Lärche und Birke leuchten in Gelb:

Von den Eichen segeln langsam die Blätter.

Nach dem Spaziergang wärmen wir uns drinnen am Feuer. Meine Füße sind eiskalt und müssen gewärmt werden, weil ich die falschen Schuhe anhatte.

Wir lesen das Ende des wunderschönen Buchs „Wenn der Windmann kommt“ von Antonia Michaelis, das mir die Tränen in die Augen treibt. Lasst Euch die Geschichten von Antonia Michaelis nicht entgehen, wenn Ihr Kinder im Grundschulalter habt! Ab 8 Jahren sind die Bücher perfekt. Sie sind voller Überraschungen, Humor und Poesie, und nehmen ungewöhnliche Menschen in den Blick, die sich nicht anpassen wollen oder können, die anders sind, die mit Dingen zu kämpfen haben, die viele Menschen nicht verstehen.

Sonntag, der 10. November 2019

Der Nebel umhüllt die Natur und macht sie weich und still. Und lässt die Farben besonders stark leuchten.

Es gibt immer noch Pilze auf unserem Grundstück. Die Fliegenpilze strahlen besonders farbig:

Wir haben zum ersten Mal Vogelfutter in die Vogelhäuschen gefüllt. Der Besuch lässt nicht lang auf sich warten. Spatzen und verschiedene Meisenarten geben sich vor dem Haus ein Stelldichein.

In der Berberitzenhecke kleben noch Spinnennetze.

Wir sind den ganzen Vormittag draußen; mein Mann recht Laub, ich beschäftige mich mit dem Hund, die Kinder schaukeln und rennen herum. Gegen 11 Uhr wird ein Feuer gemacht, denn uns ist kalt. Wir trinken heißen Holundersaft vom letzten Jahr, der wunderbar schmeckt, erhitzt in einem Alu-Kesselchen von einem alten Campinggeschirr, das mein Mann vor zwei Jahren in Berlin auf der Straße gefunden hat. Ich liebe solche Funde und genieße es richtig, wenn man sie dann so wunderbar gebrauchen kann.

Und da das Feuer so schön brennt, kochen wir gleich das Mittagessen auf dem Feuer: Gemüsesuppe. Dazu gibt’s Butterbrot, und da es draußen so herbstfrisch ist, schmeckt die Suppe dreimal so gut wie wenn wir sie drinnen gegessen hätten.

Mit einem nebelverhangenen Blick auf die Pferdeweide verabschieden wir uns vom Land und fahren in der Dunkelheit nach Hause nach Berlin.

Zu Hause werde ich mich noch zwei Stündchen an den Rechner setzen müssen, um meinen Kurs an der Uni für Dienstag vorzubereiten. Ich habe zur Zeit jede Woche zwei oder drei Lehrveranstaltungen à vier Stunden; die müssen ja gefüllt werden. Aber es macht Spaß.

Ich blicke seit dieser Woche mit Freude auf die Zeit, die vor mir liegt. Morgen Nachmittag ist der Martinsumzug an der Schule, bald ist Advent. Ohne den Druck der Firma, die ja nicht gegründet wurde, kann ich mich nun richtig freuen. Und nicht mehr alle Anfragen für Puppen absagen, die hereintrudeln. Das ist sehr schön.

Vielleicht kennt ja der eine oder andere meiner Leserinnen solche Erwägungen und Erfahrungen? Ich freue mich über Gedanken und Grüße in den Kommentaren.

Kommt gut in die neue Woche und genießt das Aufglühen der Natur!

Eure Maike

Weitere Wochenenden in Bildern von anderen Familien finden sich hier, auf dem Blog „Große Köpfe“.

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ach Maike – auch ich kann Deine Entscheidung sehr gut verstehen. Ich könnte es mir auch nicht vorstellen, meine Kinder über einen so langen Zeitraum so wenig zu erleben.
    Der 9.11. ist für uns übrigens ähnlich bedeutsam – auch mein Mann kommt aus der ehemaligen DDR, ich aus Westdeutschland und witzigerweise sind wir auch an einem 9.11. zusammengekommen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde unser erstes Kind dann auch an einem 9.11. geboren (und mein Bruder und seine Freundin sind am selben Tag ein Paar geworden …).

    Liebe Grüße!
    Anna-Maria

    • Oh wow, wie toll! Dann ist der 9.11. ja wirklich ein Feiertag für Euch. Herzlichen Glückwunsch an alle!
      Ich freue mich immer sehr, von Dir zu hören! Ganz liebe Grüße an Dich!

  2. Dazu fällt mir ein Zitat ein:
    „Ich habe lieber Blumen auf dem Tisch als Diamanten um den Hals“.
    Es stand mal in der Flow und begleitet mich seitdem.
    Ich merke, dass es doch die einfachen Dinge sind, die mich zufrieden machen: ein Waldspaziergang, eine schöne Tasse Tee, frisch geduscht ins frisch bezogene Bett kuscheln, etwas mit den eigenen Händen erschaffen, ein liebevoll zubereitetes Essen, ein gutes Buch…

    • Oh, wie schön und wie passend! Ich glaube, das Zitat wird mich ab jetzt auch begleiten! 🙂 Genau so geht es mir auch! Danke Dir. Ich wünsche eine schöne Woche mit vielen solchen Momenten bei Dir!

  3. Bravo Maike!
    Was gibt es für einen größeren Reichtum als eine glückliche Familie?
    Was gibt es für einen größeren Ruhm als „die beste Mama“ zu sein?
    Unübertrefflich!

    Ich freue mich für dich, dass du eine Entscheidung getroffen hast und nun damit so im Reinen bist.

    Ganz liebe Grüße, Heidi

    • Danke, liebe Heidi! Es fühlt sich sehr gut an. Ich bin ganz sicher, dass es die richtige Entscheidung war. Ich bin zwar ganz sicher nicht „die beste Mama“, aber ich gebe mein Bestes und naja, meine Kinder finden ganz bestimmt, dass ich „die beste Mama“ bin. 🙂 Und das ist schließlich das Wichtigste. Nein, im Ernst, Besitz/Geld bedeutet mir wenig. Klar liebe ich z.B. unser Haus auf dem Land und bin unendlich dankbar, dass wir diesen Ort haben, wo ich die Natur so intensiv spüren darf. Denn das ist mir tatsächlich wichtig. Aber was brauche ich mehr? Zeit ist doch der größte Luxus. Und ich kann mich viel besser verwirklichen, wenn ich andere Dinge mache, die besser zu mir passen. Ich freue mich, dass ich hier Bestärkung erfahre! <3 <3 <3

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