Hier liest man allerdings, dass jemand die Kur im Jahr 1990/1991 ausprobiert hat.
Ich wollte es genauer wissen und habe nach erfolglosem Googeln eine halbe Stunde auf den Seiten der UNESCO recherchiert, sowohl auf der deutschen als auch auf der US-amerikanischen. Nirgends gab es einen Treffer zu den Suchbegriffen „Knoblauch“ / „garlic“) und „Tibet“ oder „China“. Auch in den Beschreibungen von UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in China und Tibet war nirgends von einer Knoblauch- oder Verjüngungskur die Rede.
Dann habe ich die Begriffe einfach mal auf englisch gegoogelt. Dabei fand ich einen Thread in einem englischsprachigen Alchemisten-Forum, dessen Autor sich die Mühe gemacht hat, der Sache mit der tibetanischen Verjüngungskur auf den Grund zu gehen. Er hat nicht wenig Zeit investiert, konnte die Geschichte aber nicht verifizieren. Der Autor hatte aber eine Online-Ausgabe des „UNESCO Courier“ von 1979 mit dem Titelthema „Medicine’s Green Revolution“ gefunden und deutet an, dass die ganze Geschichte auf diese Quelle zurückgeht. Ich habe mir das Heft ganz genau angeschaut (ist übrigens sehr interessant!), habe gut quergelesen, die Bilder angeschaut und drei Artikel vollständig gelesen: je einen Beitrag über traditionelle chinesische, tibetanische und bulgarische Heilkunst.
Dabei habe ich folgendes festgestellt: In der ganzen Zeitung ist nirgends die Rede von einer Verjüngungskur mit Knoblauch. Aber es geht allgemein um Methoden der chinesischen und tibetanischen Naturmedizin (z.B. um Extrakte, besonders um einen Extrakt aus Würmern). Im Artikel zur bulgarischen Volksmedizin wird wiederum Knoblauch als Wundermittel gegen viele verschiedene Krankheiten erwähnt. Auch findet sich auf S. 10 der Satz „Ephedrin, ein wirksames Mittel gegen Asthma, wird aus der Ephedra-Pflanze hergestellt, die in der chinesischen Medizin schon seit über 5000 Jahren verwendet wird.“ Und auf S. 11 des Magazins ist eine 4000 Jahre alte sumerische Tontafel abgebildet, in die Pflanzenrezepte eingraviert sind. Die Tafel wurde laut Bildbeschreibung in den Ruinen der Stadt Nippur gefunden.
Interessanter Weise ist das Magazin auch in 20 Sprachen verfügbar, wie man der 3. Seite entnehmen kann. All das zusammen ist vielleicht die Quelle für die späteren Behauptungen über die chinesische/tibetanische Verjüngungskur und die Aussage, das Rezept sei „von der UNESCO“ in viele Sprachen übersetzt worden.
Der Autor aus dem Alchemisten-Forum hat dann selbst die UNESCO angeschrieben und um Nachweise/Informationen zu einer Reise nach Tibet in den 1970er Jahren gebeten. Die netten Mitarbeiter der UNESCO stellten eine ausgiebige Recherche in ihren Archiven an, konnten aber keine Belege für eine solche Reise finden.
Der Autor verweist außerdem auf einen Artikel auf der Website der russischen Zeitung Pravda. Dort steht eine Art Rezept für „Knoblauch-Wodka“, der in Russland offensichtlich gern als Erkältungselixier genommen wird. Das Rezept ähnelt dem der „tibetanischen Verjüngungskur“ sehr: Knoblauch wird in Alkohol (Wodka) stehen gelassen und nach 21 Tagen Stehzeit tröpfchenweise eingenommen. Da haben wir doch eine glaubwürdige Quelle für das Rezept: die traditionelle russische Volksheilkunde.
Ich nehme an, irgend jemand hat Informationen aus dem UNESCO-Magazin zum Thema „Medicine’s Green Revolution“ zusammen gefasst und vielleicht ein Rezept für die russisch/bulgarische ? Knoblauchkur mit Wodka darunter geschrieben. Das haben dann wieder andere neu zusammen gewürfelt, wodurch die Saga der tibetanischen Verjüngungskur entstand. Seitdem schreibt der eine vom anderen ab, wie bei den urbanen Legenden wie der Spinne in der Yucca-Palme.
Hier, beim Eintrag „Tibetische Knoblauchtropfen“ im Schweizer PharmaWiki, liest man einen der wenigen kritischen Aussagen zum Wahrheitsgehalt der Kloster-Story. Nämlich unter anderem, dass die Story 2003 von Dr. Michail Tombak in seinem Buch „Can we live 150 years?“, auf deutsch „Können wir 150 Jahre alt werden?“ verbreitet wurde, dann irgendwie ins Internet geriet und seitdem munter hier kursiert. Hier kann man das Rezept nachlesen, wie es in Tombaks Buch steht. Bei ihm wird der Knoblauch mit 40-prozentigem Wodka angesetzt. Da scheint es wahrscheinlich, dass Tombak das Rezept eher aus der russischen Volksheilkunde kannte. Möglicherweise kannte er aber auch das Buch „Tibetan Medicine“, in dem auf S. 85 mittig ein Rezept für ein Knoblauchöl steht, das gegen alle möglichen Erkrankungen helfen soll. Bei diesem Rezept namens sGog-skya bo’i sman-mar wird allerdings Knoblauch mit Yak-Butter angesetzt und 21 Tage stehen gelassen, so dass es fermentiert.
Interessant ist, dass Michail Tombak aus einer russischen Ärztefamilie stammt und in der UdSSR aufgewachsen ist. Nun habe ich Tombaks Buch nicht gelesen, aber sein Buch scheint mir eine plausible Quelle neueren Datums für eine irgendwo aufgeschnappte Geschichte von einer tibetischen Verjüngungskur.

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