Jahreszeitentisch Michaeli: Ein paar Ideen

Am 29. September ist Michaeli. Was es mit diesem Fest auf sich hat und wie wir unseren Jahreszeitentisch zu diesem Anlass gestalten, siehst und liest Du in diesem Beitrag. Die Fotos unseres Jahrezeitentischs zu Michaeli findest Du unten.

Michaeli: Bereitet das Weihnachtsfest vor

Michaeli ist ja ein Fest, das vor allem in Waldorfinstitutionen (z.B. Schulen und Kindergärten) gefeiert wird. Es gilt dort als das erste von drei Festen, die Weihnachten als Fest des Lichtes und Geburt des Guten vorbereiten. Dabei rückt jedes der drei Feste einen Aspekt des guten Handelns in den Mittelpunkt:

1. St. Michael / Michaeli — MUT

2. St. Martin, das Laternenfest — MITGEFÜHL

3. St. Nikolaus am 6. Dezember – GEWISSEN

Überwindung des Drachen

Michaeli feiert die Sage um den Erzengel Michael, der mit Entschlossenheit und Mut den Drachen als Verkörperung des Satans überwand, so dass dieser vom Himmel stürzte. Der Drache des Erzengels steht somit für das das Böse (Satan) bzw. das Dunkle. Kindern wird eine märchenhaft gefasste Version dieser alten Geschichte erzählt, in der ein mutiger Ritter eine Prinzessin aus den Klauen eines Drachen befreit.

Jahreszeitentisch Michaeli: Gefilzter Michael und Drache, aufplatzende Kastanienhülle
Mensch und Satan. Oder: Mensch und Gefahr. Oder: Mensch und seine eigene Angst.

Zum Beginn der dunklen Jahreszeit

Es ist kein Zufall, dass das Michaeli-Fest kurz nach der Herbst-Tagundnachtgleiche (Equinox) gefeiert wird. Es ist mit dem Moment, ab dem die Tage kürzer werden als die Nächte, der Beginn der dunklen Jahreszeit. Die dunkle Jahreszeit steht ja in den christlichen Jahresfesten, aber auch schon in den Festen unserer germanischen und keltischen Vorfahren als Sinnbild für das Dunkle in uns Menschen. Für die dunkle Kraft, die allerdings nicht böse sein muss, aber das ist eine andere Geschichte. Zu Weihnachten, rund um den kürzesten Tag des Jahres, werden das Licht und die Hoffnung auf das Gute wieder geboren. Danach geht es wieder aufwärts. So stellt Michaeli auch einen Schritt der Hoffnung auf Licht und zum Guten dar.

Schöne Zusammenfassungen der Bedeutung des Michaeli-Festes findet Ihr zum Beispiel hier, auf der Website des Waldorfkindergarten Mainz oder hier, auf den Seiten der Waldorfschule Hannover-Maschsee.

Themen des Michaeli-Festes: Mut und Angst

Für mich stehen im Zentrum des Michaeli-Festes die Begriffe Mut und Angst.

Ich lese die Geschichten von Michael und dem mutigen Ritter als eine Geschichte der Überwindung von Angst. Mut heißt ja nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz Angst weiter zu gehen und die Angst zu überwinden, wenigstens ein Stückweit. Für mich besiegt der Ritter im Drache nicht nur eine Gefahr. Er besiegt vor allem seine eigene Angst.

Das finde ich eine total schöne Botschaft. Wir dürfen Angst haben. Angst macht uns menschlich. Aber wir dürfen sie auch überwinden. Denn jede menschliche Entwicklung hat zentral mit der Überwindung von Ängsten zu tun. Wer nie eine Angst überwindet, entwickelt sich nicht weiter, sondern bleibt in seinen Ansichten, seinem Leben und verpassten Chancen hocken. Das kann unzufrieden, mürrisch und engstirnig machen. Es kann dazu führen, dass wir neidisch auf andere blicken, andere Lebensstile nicht akzeptieren können und/oder unsere persönlichen Ängste für normal oder sogar für objektiv gerechtfertigt halten. Aber Ängste sind immer persönlich oder gesellschaftlich gemacht.

Ich sage: Je mehr Ängste wir überwinden, desto freier und glücklicher sind wir. Ich sage sogar: Wer wenige Ängste hat, braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Der Schlüssel zu einem zufriedenen Leben liegt in der Überwindung der eigenen Ängste.

Ängste überwinden

Wie aber überwindet man Ängste? Ich glaube, es ist gar nicht so schwer.

Zuerst einmal überwinden wir Angst, indem wir die Gefahr genauer ansehen. Indem wir auf sie blicken, sie untersuchen und überlegen, warum wir eigentlich Angst vor der Gefahr haben. Sehr oft ist nämlich die Gefahr selbst eigentlich gar nicht so gefährlich, aber unsere Einstellung, unsere persönliche Geschichte oder auch die Medien flüstern es uns ein (und ich meine hier nicht etwa die Klima-Krise oder das Corona-Virus, das will ich nur kurz klar stellen. Diese Gefahren halte ich für absolut real, ohne dass ich übermäßig ängstlich wäre. Ich meine hier eher Ängste wie die Angst vor Geflüchteten, vor Überfremdung oder die Angst vor Einbrechern, Dieben oder Serienkillern, die manchen Menschen das Leben echt schwer machen).

Wir können auch überlegen, was schlimmstenfalls passieren würde, wenn die gefürchtete Gefahr wirklich „zuschlägt“, also wenn eintritt, wovor wir Angst haben. Manchmal verschwindet unsere Angst allein dadurch und wir können weiter gehen.

Wenn wir die Angst betrachtet haben und verschiedene Möglichkeiten durchgespielt haben, mit ihr umzugehen, machen wir mutig einen ersten Schritt. Meist stellen wir dann fest, dass die Gefahr gar nicht so groß war wie befürchtet. Dass es nur ein wenig Selbstüberwindung kostet, der Gefahr ins Auge zu blicken und einen Schritt zu tun.

Das alles steckt für mich im Michaeli-Fest. Deshalb ist der Michael / der Ritter und der Drache als Sinnbild für Gefahr und Angst so ein starkes Bild. Und deswegen gehören die beiden bei mir unbedingt auf den Jahreszeitentisch zu Michaeli.

Unser Jahreszeitentisch zu Michaeli

Hier siehst Du, wie wir unseren Jahreszeitentisch Michaeli gestaltet haben. Es gibt zwei Versionen, die eine hatten wir auf dem Land und die andere zu Hause in Berlin:

Ein gefilzter Drache und ein Michael mit Schwert, oben ergänzt um jahreszeitliche Symbole wie den Apfel, Kastanien und Spinnennetze. Rote Blätter vom wilden Wein stehen für den Mut und die Kraft des Michael bzw. des Menschen.

Gefilzter Michael und Drache, aufplatzende Kastanienhülle (Jahreszeitentisch zu Michaeli, Detail)

Deswegen trägt Michael oben auch rot. Als Sinnbild für das Licht, das er mit seiner Tat vorbereitet, hat er auf seiner Brust einen hellen Stern.

Das Schwert (hier zusammen gebunden aus hölzernen Cakepop-Stielen) steht auch für das Trennen von Angst und Gefahr und für die Distanz, die wir zu unserer Angst einnehmen können, um sie besser betrachten und verstehen zu können.

Die Kastanie ist auch ein herrliches Sinnbild für die Themen Angst und Mut. Stacheln schützen den weichen, glatten Kern, wie manche Menschen sich durch ihre Ängste schützen. Doch die Schale bricht in dieser Jahreszeit auf und gibt den wahren Kern frei. Für mich ein zauberhaftes Sinnbild für den Prozess der Angst-Überwindung. Die Stacheln stehen gleichzeitig auch für Verletzung, Verletzlichkeit und Gefahr. Deswegen habe ich Kastanien in Hüllen zwischen Michael und den Drachen gelegt.

Deswegen trägt Michael auch einen kastaniengrünen Umhang.

Jahreszeitentisch Michaeli: Michael und Drache auf grünem Tuch, Hagebuttenzweige in Glasvase und Spinnennetze aus Kastanien und Wolle
Jahreszeitentisch Michaeli mit Kastanien-Spinnennetz und Filzdrache und Filzritter
Jahreszeitentisch Michaeli mit Kastanien-Spinnennetz und Hopfen
Hier mit großem Kastanien-Spinnennetz, gemacht mit Schaschlik-Spießen

Ich habe unseren Jahreszeitentisch in Berlin zweistufig angelegt. Unten findet der Kampf statt, oben sehen wir Symbole der Fruchtbarkeit (Apfel, Apfelernte) und die Kastanien ohne Hülle, die bei mir für die überwundene Gefahr stehen. Die Spinnennetze aus Kastanien und Wolle passen natürlich auch in die Jahreszeit, denn man sieht ja zur Zeit überall Spinnennetze. Hier könnte man jetzt was reininterpretieren à la Schicksalsgespinst oder so, aber das ist mir beim Gestalten nicht in den Sinn gekommen. Sie passen halt einfach zur Jahreszeit.

Nochmal Michael und der Drache unter rotem Weinlaub

Ich mag es, dass unser Michaeli-Ensemble so schön bunt ist. Es strahlt Kraft und Lebendigkeit aus. Und das ist es ja auch, was die Natur im frühen Herbst auch zeigt: Kraft und Farben vor dem Vergehen.

Hier noch ein paar Eindrücke von unserem Jahreszeitentisch auf dem Land:

Jahreszeitentisch Michaeli: Michael und der Drache vor Sträußen und aufgeschlagen Buch mit Kastanien-Zeichnungen
aufgeschlagenes Buch mit Kastanien-Zeichnungen, davor gefilzter Apfel und Eicheln
Hier habe ich mit dem Bild die Kastanie als Sinnbild noch stärker betont. Das Bildmotiv ist aus dem Tagebuch der Edith Holden.

Hier habe ich die Farbe Rot noch etwas stärker eingesetzt.

gefilzter Apfel auf dem Jahreszeitentisch zu Michaeli
So ein Apfel ist recht schnell und einfach gefilzt.

Eicheln passen natürlich auch zur Jahreszeit. Wunderhübsch sind auch solche bunten gefilzten Eicheln, die in echte Eichelhütchen geklebt werden.

Auch ein starkes Bild: Wenn der Michael direkt vor dem Kastanienbild kämpft.

Als pflanzliche oder blumige Begleitung eignen sich rote Spätsommer-Blumen wie diese Gerbera oder natürlich die wehrhaften Hagebutten mit ihren Dornen.

Kastanienhüllen in verschiedenen Stadien der Preisgabe.

Ich wünsche uns allen, dass wir im michaelischen Sinne mutig sind oder werden. Das bedeutet, dass wir keine Angst vor unseren Ängsten haben, sondern uns trauen, sie anzusehen. Dass wir die Kraft haben, die verstehen zu lernen und die Entschlossenheit, ihnen zu begegnen. Denn die größte Gefahr für unser Leben sind unsere Ängste, weil sie uns daran hindern, uns weiter zu entwickeln.

Viel Mut allerseits trotz Ängsten, das wünscht Dir

Deine Maike

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