Ihr Keimchen aus den Zweigen: Wochenende in Bildern 28./29. März 2020

Es war warm und sonnig am Samstag, aber kalt, windig und schneeregnerisch am Sonntag hier in Berlin. Der Frühling lässt temperaturmäßig noch auf sich warten, aber überall sprießt und sprosst es, dass es eine Lust ist. Wie viele Menschen zur Zeit haben wir das Wochenende überwiegend in den eigenen vier Wänden bzw. in unserem kleinen Gärtchen zugebracht. Nur zum Durchlüften, sprich: kurzen Spaziergängen, sind wir rausgegangen.

Im Haus haben wir den Frühling aber trotzdem gefeiert. Wie, lest Ihr unten.

Die Wochenenden in Bildern von anderen Familien findet Ihr hier, auf dem Blog “Große Köpfe” aus Berlin.

Gedicht der Woche, aus dem der Titel stammt (ich mag den hoffnungsvollen Unterton in dem Gedicht trotz Anklang von Tod (“Gräber”)):

Märzlied

Nun, da Schnee und Eis zerflossen
Und des Angers Rasen schwillt,
Hier an roten Lindenschossen
Knospen bersten, Blätter sprossen,
Weht der Auferstehung Odem
Durch das keimende Gefild.

Veilchen an den Wiesenbächen
Lösen ihrer Schale Band;
Primelngold bedeckt die Flächen;
Zarte Saatenspitzen stechen
Aus den Furchen; gelber Krokus
Schießt aus warmem Gartensand.
(…)

Sprießt, Ihr Keimchen aus den Zweigen,
Sprießt aus Moos, das Gräber deckt!
Hoher Hoffnung Bild und Zeugen,
Daß auch wir der Erd’ entsteigen,
Wenn des ew’gen Frühlings Odem
Uns zur Auferstehung weckt.

(Johann Gaudenz von Salis-Seewis)

Samstag, der 28. März 2020

Schon um 7:30 Uhr machen wir einen schönen Spaziergang mit dem Hund durch die Wohnanlage.

Hund ist schon voraus.
Überall blüht es.
Diese schönen gelben Bälle blühen hier überall. Wir haben sie auch auf dem Land hinter dem Schuppen. Weiß jemand, wie sie heißen?

Die Tochter pflückt eins der gelben Blümchen und steckt sie mir hinters Ohr.

Überall in der Wohnanlage blüht es kräftig und platzen die Knospen.

Auch im Klostergarten, der unserem Haus gegenüber liegt.

Die Hausverwaltung hat aufgrund der Corona-Krise in der ganzen Wohnanlage die Spielplätze “gesperrt”. Interessanterweise spielt hier tatsächlich das ganze Wochenende kein einziges Kind. Brave Mitbewohner.

Die Kinder baden und nehmen den Hund mit in die Wanne. Er badet gern und lässt sich von den Kindern genussvoll schrubben und waschen. Weil sein Fell in den letzten Wochen üppig gewachsen ist und wir an einen puscheligen Hund gewöhnt sind, sind wir erstaunt, wie dünn er ist, wenn sein Fell sich nass an den Körper klebt.

Ich lege alle ausgeblasenen Eier der letzten Tage in einen Korb. Ich plane eine schöne Oster-Dekoration mit den Eiern, die ich auch hier auf den Blog stellen werde. Eigentlich nichts super Aufwändiges, aber total effektvoll und schön-schlicht.

Zum Mittagessen gibt es feine kleine Hühnchenkeulen aus dem Dorf vom Land, mariniert in Knoblauch, Olivenöl und Zitronenschale, zusammen mit Rosmarinkartoffeln und Zitronenscheiben in einer Kasserolle gebacken. Dazu noch gebratener grüner Spargel und Salat. Schlemmer-Mittagessen am Samstag.

Neue, rote und lebensstrotzende Tulpen auf dem Fensterbrett in der Küche. Wir lassen uns die Lust am Leben nicht nehmen.

Nach der Mittagspause ist es draußen wunderbar warm und frühlingshaft. Ich setze mich in den Garten und arbeite an den Eiern, pflanze und werkele ein wenig an den Beeten. Da kommt unsere liebste Nachbarin vorbei und bringt uns dieses Körbchen mit Rosinen-Honig-Krapfen und ein paar Blüten. Wir geben dafür ein Stück unseres saftigen, aromatischen Orangen-Mandel-Kuchens zurück, den ich gestern gebacken habe (göttlich, hier das Rezept). Wie schön, Kuchentausch übern Gartenzaun!

Das Töchterchen gärtnert auch ein wenig.

Auch der Spielplatz direkt vor unserem Haus ist abgesperrt. Sie würde wirklich gern mal rutschen, glaube ich, aber sie hat Respekt vor dem Absperrband.

Dafür pflückt sie Gänseblümchen auf der großen Wiese hinterm Haus.

Der Tag geht träge zu Ende mit Abendbrot (Tortilla aus Gemüse-Resten und Ei), Harry-Potter-Vorlesen und Online-Stress wegen der Beantragung der Corona-Soforthilfen für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer, die wir dringend benötigen. Der Server der IBB Berlin macht schlapp und man wird im Unklaren gelassen, wie und wann es weiter geht.

Für uns ist die Lage seit Corona mehr als prekär: Mein Mann musste sein Geschäft dichtmachen, weil es nicht mehr erlaubt ist (also hat er seit März nur Ausgaben und null Einnahmen), und bei mir sieht es ähnlich aus, weil natürlich im Moment alles andere wichtiger ist als Puppen-Bestellungen und CE-Kennzeichnung von Spielzeugen. Das verstehe ich vollkommen. Aber blöd ist es trotzdem. Und für uns eine existenzielle Bedrohung, weil wir niemanden um Geld bitten können und keine Rücklagen haben. :-/ Deswegen habe ich auch den Spenden-Button hier eingerichtet (am Ende des Beitrages). Vielleicht mag ja jemand meine Beiträge und möchte mir eine Kleinigkeit für meine unentgeltliche Arbeit mit dem Blog spenden???

Sonntag, der 29. März 2020

Der ganze Vormittag vergeht gemütlich mit Frühstücken, Lesen und Spielen. Draußen ist es eiskalt, bewölkt und es schneeregnet, da hat kein Mensch Lust, rauszugehen. Nicht mal wir. Nur mein Mann geht ganz kurz mit dem Hund.

Nach dem Mittagessen gönnen wir uns alle ein wenig Medienzeit, die große Tochter guckt einen Film, und ich recherchiere aus einer Laune heraus Gewächshäuser für unsere Zukunftspläne auf dem Land. Mein Gott, ich wusste nicht, dass es eine so große Bandbreite an Gewächshäusern gibt. Ich klicke mich tapfer durch die Gewächshaus-Welt, bis ich in etwa finde, was uns vorschwebt. Das ist nur leider teuer und wird noch eine ganze Weile unerfüllt bleiben. Aber träumen darf man ja.

Es schauert nochmal kräftig mit Hagelkörnchen und Schneeflocken, dann klart es auf. Das fühlt sich schon an wie Aprilwetter. Der April winkt uns ja schon zu.

Die große Tochter und ich machen einen schönen langen Spaziergang mit dem Hund durch den Kiez. Mama-Tochter-Alleine-Zeit, was wir beide genießen. Die Tochter ist ganz begeistert, als sie sieht, dass viele Bäume schon austreiben: “Alles schon grün, Mama! Alles wird grün!”

Überall diese knallgelben, leuchtenden Bällchen-Blüten.

Diese Sitzgelegenheit am großen Platz im Kiez hat Moos angesetzt. Ich finde, das Bild passt zur aktuellen Weltsituation. Warum nur hat sich hier offensichtlich seit Jahren keiner hingesetzt?

Die kleine Tochter braucht auch Mama-Exklusiv-Zeit. Also mache ich noch einen zweiten Spaziergang mit ihr durchs Wohnareal. Den Hund freut es auch.

Die Forsythien strahlen so kräftig, wie sie nur können. Ganz besonders vor dem grauen Himmel, der sich inzwischen wieder zugezogen hat.

Kaum sind wir wieder drinnen, geht draußen wieder der Hagel und Schneeregen los. Glück gehabt – wir haben eine glückliche trockene Stunde zum Rausgehen erwischt.

Die Kinder kramen unsere Frühlings- und Osterdekoration aus dem Schrank und freuen sich, alte Schätze wieder zu sehen. Und ich auch! Das weiche Rotkehlchen im Hintergrund, das unsere ehemalige Hortnerin in der Schule einmal zum Dank für uns gemacht hat, weil ich dem Hort eine selbst gemachte Puppe spendiert habe, liebe ich über alles. Die Papier-Schneeglöckchen und unsere Zweig-Vasen auch. Die Gänseblümchen im Eierbecher sind die, die die Tochter gestern gepflückt hat.

Die große Tochter backt selbständig Orangen-Muffins mit Schokoladenstückchen nach ihrem Lieblings-Rezept, das sie immer wieder backt. Sie kann es schon auswendig.

Für uns ist es es ja seit der Corona-Krise nicht soo viel anders als sonst. Wir unternehmen ja auch sonst am Wochenende nicht viel außer Haus, weil unsere Kinder darauf keinen Wert legen bzw. das nicht brauchen (was ich manchmal schade finde… ich bin eher der unternehmungslustige Typ). Die Häuslichkeit kommt unseren Kindern also sehr gelegen.

Ich kann von uns aus sagen, dass wir sehr entspannt sind und keine Angst für uns haben. Wir halten brav die Sicherheitsvorkehrungen ein und bleiben zu Hause, so viel es geht. Ich besonders, denn ich gehöre mit meinen Autoimmunerkrankungen zur Risiko-Gruppe.

Weil wir das häusliche Beisammensein gut kennen, ist es hier nicht stressiger als sonst auch. Die Kinder vermissen ein wenig ihre Freund*innen, aber sie genießen es sehr, zu Hause zu sein.

Wir Erwachsenen machen uns aber viele Gedanken: Über die Botschaft der Krise – was können wir daraus lernen, als Einzelne, als Gesellschaft, als Weltgemeinschaft, als Menschen als Teil der Natur? Über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Über die wirklich Leidtragenden – Stichwort häusliche Gewalt an Frauen und Kindern, Krisengebiet der Erde, von denen aktuell kaum einer mehr Notiz nimmt, usw.

Das wird uns auch in der kommenden Woche begleiten. Die birgt einige Herausforderungen. Ich muss meine erste Lehrveranstaltung an der Uni als Vorlesung von zu Hause aus halten, und die Technik funktioniert nicht. Bzw. die Uni kriegt es nicht hin, mir meinen Zugang einzurichten, so dass ich alles einstellen und ausprobieren kann. Nerv.

Wir müssen alles Mögliche beantragen, was ja immer viel Zeit und Nerven kostet. Da hilft nur: Lächeln und Atmen. Und alles Schritt für Schritt machen. Das Schöne sehen. Die Natur als Inspirationsquelle nutzen: Dort geht alles seinen immerwährenden Gang, der aktuell von überbordender Wachstums-Energie geprägt ist. Also nicht verzagen! Innehalten, schauen, was in einem lebt und herauswill, es kommen lassen, es wenigstens spüren. Und immer tief atmen und lächeln. Die Dinge zulassen. Und natürlich trotzdem gesundheitlich bitte kein Risiko eingehen.

Wie geht es Dir mit der Krise? Was bedrückt Dich? Was ist das größte Problem in Deinem jetzigen Alltag? Ich freue mich über Kommentare!

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