Lebensgroße PEKiP-Puppe Michel

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In den letzten Tagen hatte ich eine ganz besondere Aufgabe. Mich erreichte der Anruf einer Frau, die PEKiP-Kurse leitet. Sabine (Name geändert) war auf der Suche nach einer Puppenmacherin, die das Puppenbaby, das sie seit vielen Jahren für ihre Kursarbeit benutzt, zeitnah durch eine neue, lebensgroße und schwere Babypuppe ersetzen kann. Ich wollte schon lange einmal ein lebensgroßes, „echtes“ Baby machen und freute mich auf die Herausforderung.

Der sehr geliebte „alte Michel“

Sabine machte sich direkt auf den Weg zu mir und brachte das alte Puppenbaby mit. Denn die neue Puppe sollte dem alten, vielgeliebten Michel nachempfunden werden. Ich war sofort berührt von dem abgenudelten Körper und dem verschmitzten Ausdruck dieser Puppe:

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Der „alte Michel“

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Der alte Michel wurde vor mehr als zehn Jahren von einer älteren Puppenmacherin aus dem Rheinland genäht. Interessant fand ich seinen Schnitt, der von der Konstruktionsmethode und den Proportionen in etwa dem „Twink“-Schnitt von Mariengold entsprach – nur am Rücken gab es eine Naht, die ich mir nicht so recht erklären konnte. Sabine hatte einmal den Mund nachgezeichnet und die Nase knubbelig gestickt, weil hier der Trikotstoff durch Tiereinwirkung gerissen war. Außerdem hatte sie die Puppe einmal in der Waschmaschine gewaschen, wodurch sich seine Füllung etwas zusammengezogen hatte. Alles in allem scheint Michel äußerst solide hergestellt worden zu sein. Er wurde sehr fest gestopft, denn seine Gliedmaßen waren sogar nach all den Jahren und der Maschinenwäsche immer noch gut ausgefüllt. Der Kopf war noch prima in Form und ganz fest.

Die Aufgabe: ein größerer, schwererer Michel mit weichem Haar

Die neue Puppe sollte etwas größer und schwerer werden und sich möglichst wie ein echtes Baby um die sechs Monate anfühlen. Denn Sabine stellt mit der PEKiP-Puppe in ihren Kursen u.a. die Bewegungen von Babys beim Herumrollen und Aufsitzen nach. Kleidung sollte ich für den neuen Michel nicht nähen, da Sabine ihrer Kurspuppe gern „echte“ Babystrampler anzieht. Aber die Haare sollten genau so weich und kuschelig sein wie beim alten Michel. Ich befühlte und untersuchte Michels Haare und wusste gleich, dass ich es hier mit etwas Besonderem zu tun hatte – ich vermutete, es sei eine besonders weiche, synthetische Wolle, die sehr fein ausgekämmt war…

Ich machte mich trotz Wochenende sofort an die Arbeit, denn Sabine brauchte den neuen Michel schnellstmöglich – und ich hatte auch einen großen Drang, diese spannende Aufgabe zu beginnen. Übers Wochenende hatte ich meinen Babypuppen-Schnitt für die lebensgroße Größe angepasst, die Teile genäht, den Kopf hergestellt, und in einer Mußestunde am späten Samstagabend sogar ein wenig Wangen, Nase, Hinterkopf und Kinn gefilzt, um dem Gesicht etwas mehr Kontur zu verleihen. Ich hatte die Glieder und den Körper gefüllt und alles sorgfältig zusammengefügt. Das Sticken des Gesichts war eine kleine Herausforderung, weil ich Augen mit Lidstrich und einen breiten, lachenden Mund wie bei Michel noch nie gemacht hatte. Aber es gelang, und ich war regelrecht begeistert von dem verschmitzten Ausdruck, der durch die Lidstriche um die Augen und den Lachmund entstand.

Das Rätsel der Haare

Am Montag waren die Haare dran. Doch auch in meinen beiden gut ausgestatteten Wolle-Läden fand ich kein Material, was diesem weichen, feinen Haar entsprach. Also rief ich Sabine an und fragte, ob ich das Haar des alten Michels entfernen und dem neuen Michel vermachen dürfe. Ich durfte, und so entfernte ich vorsichtig Michels Perücke. Und wie staunte ich, als ich die Perücke in Händen hielt, und wie fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Diese Perücke war gar nicht aus Wolle gehäkelt, sondern es war Teddy-Plüsch. Natürlich! Ich wusste plötzlich nicht, wieso ich da nicht draufgekommen war. Ich verwende zwar selbst keinen Teddy-Plüsch für Puppenhaare, aber kenne die Haptik und weiß, dass manche Puppenmacherinnen Teddy-Plüsch verwenden.

Weil ich den neuen Michel nicht nackt lassen wollte (es ist doch noch kalt!), zog ich ihm einen alten hellgrünen Body an, den ich einmal für die Babypuppe meiner Tochter gekauft hatte, der dieser aber zu groß ist.

Und so ist neue Michel dann geworden:

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Michel saß in unsere Küche, und jedesmal, wenn ich ihn ansah, wurde mir ganz warm ums Herz, so vergnügt, glücklich und zufrieden sah er aus! So, als sei er ganz satt und wohlgenährt an Körper, Geist und Seele, und dem Leben freudig und positiv entgegensehend. Genau der richtige Ausdruck für eine Pekip-Puppe!

Neue Haare für den alten Michel

Der alte Michel bekam statt seiner abgelegten Plüsch-Perücke eine neue Perücke aus ausgekämmtem Mohairgarn und nahm dann Platz neben seinem neuen Bruder. Plötzlich war der alte Michel der „Kleine“. Er hatte durch das neue Haar auch eine neue Persönlichkeit bekommen:

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Eine neue Aufgabe für den alten Michel

Sabine und ich waren beide ganz aufgeregt, als Sabine den neuen Michel abholen kam. Ich hatte beide Puppen aufs Sofa gesetzt. Sabine trat auf die Puppen zu und war sofort sehr berührt. Es stellte sich heraus, dass sie genau einen solchen hellgrünen Body, wie der neue Michel ihn trug, vor vielen Jahren einmal gekauft hatte, als sie noch keine Kinder hatte. Als Symbol für ihre Sehnsucht nach einer Familie und nach Nähe. Der Anblick des neuen Michels in diesem Body berührte sie darum sehr. Und noch mehr Gefühle kamen auf, als sie den alten Michel mit seiner neuen Frisur wahrnahm: „Das ist ja jetzt ein Mädchen!“, rief sie aus. Ich war verdutzt, sah die Puppe an und gab ihr sofort recht: Ja, der alte Michel war eine Michaela geworden!

Sabine und ich waren beide bewegt. Es stellte sich heraus, dass Sabine schon eine Weile auf der Suche nach einer Puppe war, die sich für ihre Arbeit mit dem „inneren Kind“ eignet. Und sie fühlte direkt, dass der alte Michel aka Michaela mit der neuen Frisur genau die richtige Puppe für diese Aufgabe war. Und so hat Sabine nicht nur einen neuen Michel als PEKiP-Kurspuppe, sondern ganz unvermutet auch die richtige Puppe für ihre Arbeit mit dem inneren Kind gefunden.

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Der neue Michel und Michaela in ihren von Sabine mitgebrachten Babystramplern

Das ist es, was ich an der Arbeit als Puppenmacherin so liebe: Dass Puppen so berühren können und in der Lage sind, lang Vergessenes wieder lebendig und präsent zu machen. An solchen Prozessen mitzuwirken und Teil dieser Geschichten zu sein, ist für mich eine große Erfüllung. Es macht mich glücklich, satt und zufrieden – genau so, wie der neue Michel uns anlächelt!

  • Veröffentlicht in: nachgenähte Puppen